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Andrea Fried: „Opfer der Korruption sind alle Kassenbeitragszahler“

Expertin Andrea Fried über die Schattenseiten des Systems.

Die Presse: Experten schätzen, dass Korruption dem österreichischen Gesundheitssystem jährlich 2,1 Mrd. Euro kostet. Stimmt das?

Andrea Fried: Die Summe ist mit Vorsicht zu genießen, weil sie geschätzt wurde. International ist man sich jedoch einig, dass das Gesundheitswesen ein empfindlicher Bereich ist. Erstens, weil viel Geld im System steckt, zweitens, weil es extrem intransparente Geldflüsse gibt und drittens, weil die Trennung von Zahlern und Konsumenten viele Möglichkeiten eröffnet, sich zu bereichern. Es existieren also gleich mehrere Einfallstore für Korruption.

Wie findet Korruption statt?

Fried: Niemand hat etwas dagegen, wenn die Industrie Medikamente erforscht. Wenn die Forschung zum Marketing-Tool verkommt, wird es kritisch. Das passiert bei so genannten Anwendungsbeobachtungen. Dabei füllen Ärzte für jeden mit einem bestimmten Medikament behandelten Patienten einen Fragebogen aus und werden dafür von der Pharmafirma bezahlt. Für die Ärzte ist das eine Motivation, zahlreiche Patienten auf dieses Medikament umzustellen. Die Konzerne investieren längst mehr Geld in Marketing als in die Forschung. Innovationen gibt es nur noch wenige.

Wie eng sind die Beziehungen zwischen Ärzten und Industrie?

Fried: Sehr eng. 85 Prozent der Mittel für die klinische Forschung stammen aus der Industrie. Das beeinflusst die Inhalte. In der Praxis ist es so, dass der Professor nicht nur die Studie macht, sondern diese dann auch auf Kongressen vor anderen Ärzten promotet. Die Verflechtungen reichen bis hinein in Patienteninformation und ärztliche Weiterbildung, die zu einem hohen Prozentsatz von der Pharmaindustrie finanziert und beeinflusst werden.

Wissen Ärzte noch, was geht, und was nicht?

Fried: Das Problembewusstsein entwickelt sich hierzulande erst. Die meisten Ärzte denken nicht an Korruption, wenn sie Pharmavertreter empfangen. Das gehört einfach dazu. Einem jungen Arzt, der Karriere an der Universität machen will, wird beigebracht, dass er gute Kontakte zur Pharmabranche braucht, weil davon seine Karriere als Forscher abhängt.

Können Sie Beispiele für Verflechtungen nennen?

Fried: Die Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin bietet über eine Werbeagentur der Industrie sogenannte „Konsensus-Meetings“ zum Kauf an. In diesen Meetings legen vom Auftraggeber festgelegte Experten Empfehlungen zur Behandlung bestimmter Krankheiten fest. Es kam vor, dass das Medikament des Meeting-Sponsors dafür besonders geeignet war.

Wer ist in diesem System Täter, wer Opfer?

Fried: Opfer sind alle Mitglieder der Solidargemeinschaft der Kassenbeitragszahler und Menschen mit seltenen Krankheiten, deren Erforschung sich nicht lohnt. Hinter all dem sind klare Strategien der Pharmafirmen erkennbar, nichts geschieht zufällig. Die Industrie ist extrem marketing- und gewinnorientiert. Den Managern sitzen die Shareholder im Genick. Und die Ärzte laufen Gefahr, zu Mittätern zu werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2008)