Hanna Schygulla: „Ich bin ein ziemlich treuer Mensch“

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Hanna Schygulla präsentiert ihre „musikalische Biografie“. Die Schauspielerin sagt, warum sie ein Antistar ist und erzählt über die bewegte Zeit mit Regisseur Fassbinder.

Hanna Schygulla präsentiert am 27.und 28.November im „Theater Akzent“ ihre „musikalische Biografie“. Was bedeutet dieser Begriff?„Ich habe mir überlegt, was die Lieder waren, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnern kann, aus der Pubertät, als der Rock 'n' Roll aufkam“, sagt Schygulla, auf Besuch in Wien. Paris spielt eine Rolle, „und die Zeit mit Fassbinder, er hat auch Lyrik geschrieben. Da wollte ich eine kleine biografische Wanderung unternehmen, bei der ich dieses und jenes dazu erzähle.“

Sie ist ein Flüchtlingskind aus Oberschlesien, kam als Baby 1945 nach München. „Das Slawische hat mich schon immer begleitet, weil ein Teil der Familie erst später nachgekommen ist. Untereinander sprachen die polnisch, sonst deutsch mit polnischem Akzent. Das Polnische und Russische in der Kunst hat mich auch immer angezogen. Mein Traum wäre es gewesen, früher auch einmal mit (dem russischen Regisseur) Michalkow oder (dem 1996 verstorbenen Polen) Kie?lowski oder jetzt mit Sokurow zu filmen, aber es gab die Sprachbarriere.“ Was „Schygulla“ bedeutet, weiß sie ungefähr: „Das ist ein eingedeutschter slawischer Name, benennt, hat man mir gesagt, einen Vogel, es bedeutet so etwas wie Stieglitz.“

Ein heiterer Name – ist auch das Künstlerleben voller Glamour, fühlt sie sich als Diva? „Ich habe mich früh einen Antistar genannt, um mich dagegen stark zu machen. Ich wollte nicht auf die Starrutsche kommen. Da ist dann schnell ein Scheinleben gelebt, das nur gut aussieht.“

„Du... Augen wie Sterne“

Rainer Werner Fassbinder, einer der bedeutendsten Regisseure der Nachkriegszeit, der 1982 mit 37 Jahren gestorben ist, hat von ihren Sternenaugen geschwärmt. „Das hat er einmal in einem Film gesagt, das ist nur ein Zitat. Du... Augen wie Sterne, hieß es in Katzelmacher. (1969). Ansonsten gibt es sternenmäßigere Augen als meine.“ Wie war die Zusammenarbeit mit dem Genie des deutschen Films? „Wir waren sehr jung und verspielt. Sein Sinn fürs Absurde war ausgeprägt, viele seiner Filme sind eine Mischung aus Traurigem und Absurdem. Es war immer auch Humor dabei, er hat die Menschen groß und klein gesehen. Einer der Heitersten war er nicht, doch er freute sich schon, wenn es ging. Wenn er was Schönes gedreht hatte, ist er wie ein kleiner Junge in die Höhe gehüpft.“ Für besonders geglückt hält Schygulla Die Ehe der Maria Braun aus dem Jahre 1978. „Das war ganz sicher ein Höhepunkt, er hat Türen geöffnet. Der Fassbinder hat einen auch immer sehr schön fotografiert.“ Von der Rolle als große Menschendarstellerin träumt sie noch. „Vielleicht wartet da im Alter noch was.“

Vom Studium der Geisteswissenschaften hat sich Schygulla Ende der Sechzigerjahre abgewandt, weil Sie es leid waren, Intellektuelle zu sein. War das Pose? Schygulla: „Nein, das war keine Pose. Ich hatte schon eine Zulassung für eine Arbeit über Schizophrenie und Sprache. Da war schon ein bisschen von Elfriede Jelinek vorweggenommen, die ja viele Mechanismen in der Sprache freilegt, sie durchbrennen lässt.“

1968 und ihre Generation des Aufbegehrens sieht sie 40 Jahre danach differenziert: „Vieles davon ist in mir schon noch lebendig, kurze Formeln wie Sein statt haben oder All you need is love oder Gibt es ein richtiges Leben im Falschen? Diese Fragestellungen, etwa auch, dass Besitz ablenkt, dass man dadurch anderen unter Umständen etwas wegnimmt, gibt es noch für mich. Ich habe eine Hoffnung darauf, dass eine Umverteilung der Reichtümer irgendwann möglich wird, nicht mehr ein gedanklicher oder idealistischer Luxus bleibt. So wie bisher geht es wohl nicht weiter, wir stehen ziemlich nah am Zusammenbruch des wilden Kapitalismus. Das hat jetzt wahrscheinlich jeder mitgekriegt.“

Rechts und links sei aber nicht mehr so bedeutungsvoll. „Vieles waren auch Irrungen, Wirrungen; nur nicht fixieren oder gar heiraten. Das war bei mir auch so. Diese Angst vor Bindungen ist überholt, das wurde aufgearbeitet, so wie das Prinzip, Kinder aufwachsen zu lassen wie Blumen oder Tiere, ohne sie zu führen. Das ist auch nicht gut. Irgendwann muss man doch eine Mitte finden.“ Schygulla gelang das offenbar. Aus dem Filmgeschäft hat sie sich für Jahre zurückgezogen, um sich um ihre alten Eltern zu kümmern. „Ich bin ein ziemlich treuer Mensch.“

„Ich wollte raus aus Deutschland“

Und wie hält sie es mit der Erinnerung, der Sentimentalität? Als unlängst Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“ (1979) als DVD herauskam, waren viele Mitwirkende bei der Präsentation versammelt. Schygulla schildert dieses Treffen so: „Das war seltsam. Wir alle sind gealtert und waren trotzdem wieder erkennbar. Die Fassbinder-Gruppe war nur durch ihn zusammengehalten. Wir haben uns gefreut, das hat aber nicht bewirkt, dass wir uns regelmäßig weiter sehen.“

Ihr Lebensmittelpunkt liegt seit vielen Jahren in Paris. „Dort bin ich mit 19 als Au-pair hingegangen. Ich wollte raus aus Deutschland, denn das Deutsche war für unsere Nachkriegsgeneration belastet. Damals hat mich die Stimme der Piaf so angemacht. Später habe ich mich in einen Franzosen verliebt und ging nach Paris. 13 Jahre hat es gedauert, bis es auseinander gegangen ist. Es bilden sich Freundschaften, ich wohne in Paris auch sehr schön, aber manchmal habe ich jetzt einfach Sehnsucht, Deutsch zu reden.“

Der Stoff für ihr musikalisches Programm hat sich so ergeben. Unterschiedlichstes findet sich ein. Ihr Geschmack? Vielfältig. „Ich mag zum Beispiel die Beatles, die sind in ihrer Schlichtheit genial, und nach wie vor auch Janis Joplin. Im Moment bin ich nicht auf der Suche nach neuen Liedern, sondern eher nach neuen Projekten. Ich möchte mich nicht wirklich zur Sängerin entwickeln.“ Film fasziniert sie nach wie vor. Ein von ihr gedrehtes Werk handelt von Träumen, „der ist irgendwann im Museum of Modern Art als Experimentalfilm gelandet. In Mailand wird erwogen, das für eine Schau zu nehmen.“ Und ihr Literaturgeschmack? „Es ist schon interessant, welche Bücher man in welcher Phase geschätzt hat. Auch das ist eine Biografie. Ich habe einmal On the Road von Jack Kerouac geliebt. Es wäre interessant, da wieder mal reinzulesen. Hoffentlich wäre ich nicht enttäuscht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2008)

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