Er hat Wiens höchstes Haus geplant. Der französische Architektenstar Dominique Perrault mag keine Hochhausdebatte und glaubt, dass mit einer Verbindung zum Wasser in der Donaucity alles besser wird.
Die Presse: Ihr Entwurf, der Donaucity-Tower 1, wird mit 220 Metern das höchste Haus Wiens. Bedeutet Ihnen das etwas?
Dominique Perrault: Die Frage ist hier nicht: Wie hoch? Sondern: Wo? Der Platz ist bedeutsam, weil er das Entree zu einem Stadtteil ist. Ich war am Anfang sehr erstaunt, dass der Bezirk mit dem Fluss gar nicht verbunden ist. Das Projekt Donaucity soll das ändern: Die Leute sollen zum Wasser hinuntergehen, dort spazieren können.
Sie haben sich Gedanken zu einer solchen Promenade gemacht. Werden die umgesetzt (s. Artikel unten)?
Perrault: Weiß ich nicht. Aber wenn die Türme existieren, wird sich jedenfalls unter den Bewohnern eine kritische Masse, quasi ein offensichtliches Bedürfnis, entwickeln, die Neue Donau mit dem Bezirk zu verbinden.
Die Donaucity im Ist-Zustand wird heftig kritisiert: als öde Geisterstadt und wegen der Winddynamik. Kann Ihr Turmpaar das ändern?
Perrault: Nehmen wir La Défense als Beispiel (Anm.: modernes Geschäftsviertel im Westen von Paris).Zu Beginn war es total windig, aber mit steigender Baudichte wurde es immer besser. Hier ist es wohl ähnlich.
Und das fehlende Stadtgefühl kommt auch mit der Zeit?
Perrault: Natürlich braucht es eine Strategie. Derzeit ist es noch schwer zu fassen, was hier genau passieren wird. Die Verbindung zum Fluss, die jetzt fehlt, wird viel ändern. Die Lage ist ja toll, besser als die Inselsituation von La Défense: Es gibt hier Wasser, die historische Aussicht. Die Stadt vermarktet das noch nicht genug.
Neue Stadtzentren sind nicht immer Erfolgsgeschichten. Viele veröden schnell.
Perrault: Die künstlichen Bezirke und Satellitenstädte der Siebziger waren klar ein Fehler. Wichtig ist die Verbindung des Neuen zum Bestehenden, es muss in die Geografie der Stadt passen. Geografie ist hier wichtiger als Geschichte, denn sie ist die Alltagsrealität der Menschen.
Macht es für Sie noch einen Unterschied, ob Sie in Wien, Paris oder anderswo bauen?
Perrault: Mein Ausgangspunkt ist immer nur die Gegenwart. Mir geht es um Lage, Auftraggeber, Menschen, aktuelle Kultur. Vergangenheit darf nie eine Ausrede für ein Projekt sein. Und Utopien sind nett für Ausstellungen.
Haben Städte für Sie überhaupt spezifische Identitäten? Wenn ja, welche hätte Wien?
Perrault: Europäische Städte haben eine ähnliche Morphologie. Ich habe kein ganz bestimmtes Wien-Bild. Das ist etwas für Touristen.
Wie sehen Sie da das Weltkulturerbekonzept? Als Hindernis?
Perrault: In Wien? Bei der Donaucity? Da sehe ich es – auf der anderen Seite des Flusses. Also kein Problem damit. Sehr hübsche Aussicht. Nein, im Ernst: Bauprojekte sind ein langwieriger Prozess, ein Dialog über viele auch solche Themen. Wenn man offen ist, findet man einen Konsens.
In Zeiten der Finanzkrise ist öffentliches Geld für Architektur knapp. Glauben Sie, dass die Gestaltung des Erscheinungsbildes von Städten – etwa die Skyline – ganz Privatinvestoren überlassen werden wird?
Perrault: Man kann eine Stadt weder nur mit öffentlichem Geld noch bloß privatem Geld bauen. Man muss die Balance finden. Wobei das Bauen nicht das Teuerste ist, sondern Erhaltung, Wartung, Energieversorgung. Insofern bin ich gespannt, wie Dubai in den nächsten Jahren funktionieren wird. Die Stadt ist für mich ein gedanklicher Fake.
Ebenfalls als langfristig teuer werden Hochhäuser kritisiert. Welche Funktion haben die für Sie?
Perrault: Eine generelle Hochhausdebatte ist komplett dumm. Denn jeder hat Angst vor Hochhäusern. Die Medien schüren das noch. Dabei muss es doch immer um ganz spezifische Situationen gehen. Man muss Plätze finden, wo Hochhäuser hinpassen, und das den Menschen dann auch erklären.
Welche Stadt entwickelt sich für Sie derzeit architektonisch am interessantesten?
Perrault: Schwer zu sagen. Die Krise hat vieles verändert: Die Attraktivität der großen Städte nimmt ab, die Bedeutung der Vororte zu. Dort zu leben wird interessanter. Weil: Die Infrastruktur existiert, und die Mieten sind billiger bei gleichzeitig hoher Lebensqualität.
Sie haben für Mpreis zwei Supermärkte in Tirol entworfen. Was bewegt einen, für eine 7600-Einwohner-Gemeinde wie Wattens zu bauen?
Perrault: Es geht nicht um die Größe eines Projekts, sondern um den Kunden. Mit einem ehrgeizigen Auftraggeber kann man kleine Objekte realisieren, und es ist dennoch interessant. Der Supermarkt in Wattens ist zwar klein, aber wie ein kleines Museum für den Ort.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2008)