Martin Heller, Intendant des Kulturhauptstadtjahres, fühlte sich zu wenig provoziert, mochte aber sein Alter Ego im Stück.
Die Presse: Das Linzer Phönix-Theater war von Beginn an die Speerspitze des Widerstands gegen das Kulturhauptstadtjahr. Jetzt zeigt das Phönix eine Satire über Linz09: „Der Zwerg ruft“ von Kurt Palm. Ärgert Sie das?
Martin Heller: Nein. Kurt Palm hat wenig begriffen von Linz09. Ich hätte mir gewünscht, dass diese Aufführung provokativer, schneller und schärfer ist. Jemand sagte, ein zahnloser Tiger. So ungefähr sehe ich das auch. Den Darsteller, der mich gespielt hat, finde ich sehr sympathisch. Er hat sich redlich Mühe gegeben, Schweizerdeutsch zu reden, was in meinen Ohren nicht so echt geklungen hat. Es war die Entscheidung des Phönix, nicht mit uns zusammenzuarbeiten und seine Veranstaltungen ohne das Kulturhauptstadtjahr zu machen. Wenn dort interessantes Theater stattfindet, bin ich der Erste, der das anerkennt. Aber: Wir bringen Welttheater in die Stadt, das wird das Theaterleben mehr befruchten, als wenn wir jetzt ein Ensemble ein Jahr lang fördern.
Aber Leute wie Luk Perceval oder David Maayan sind seit Jahren in Wien. Da werden nicht viele Wiener nach Linz kommen.
Heller: Das werden wir sehen. Ich glaube schon. Auf jeden Fall sind wir auf Publikum aus Wien angewiesen. Airan Berg kennt es gut. Wien ist eine Super-Theaterstadt. Dort sind alle Namen präsent, die es gibt. Wen wollen Sie denn da noch Neues ausgraben?
Bis jetzt gab es bei Linz09 manch störende Nebengeräusche. Ihr Vertrag, dotiert mit 183.000 Euro im Jahr, wurde kritisiert. Ein Migranten- und ein Opernprojekt wurden abgesagt.
Heller: Bei den 183.000 Euro im Jahr sind sämtliche Sozialleistungen, die ich in der Schweiz selbst bezahle, inkludiert. Das war eine üble Berichterstattung. Zu den Absagen: Bei so vielen Projekten ist es normal, dass einige abgesagt werden, weil die Finanzierung nicht passt. Ich habe schon viele brutale Absagen erlebt, aber nicht hier. Bloß die Medien und die Betroffenen haben immer das Gefühl, dass da Unglaubliches passiert. Ich stehe für ein Kulturverständnis, das tätig auf die Zukunft schaut. Man sollte nicht immer über Hindernisse und mangelnde Förderung jammern. Diese Haltung kann ich als Schweizer nicht verstehen.
60 Mio. Euro! Mit so viel Geld hätten lokale Kulturveranstalter viel anfangen können.
Heller: Das Kulturhauptstadtjahr ist definitiv nicht dazu da, dass man dasselbe wie sonst mit mehr Geld machen kann. Da hat man genau die Chance verpasst.
Wie finden Sie Linz? Diese Stadt hat sich zuletzt stark verwandelt, aber wie mir scheint, noch nicht richtig ein eigenständiges Profil gefunden, anders als etwa Graz oder Salzburg.
Heller: Ich sehe das nicht so. Fahren Sie mal ins Ruhrgebiet. Schauen Sie sich die Industriebranchen dort an. Das ist eine Gegend, die den Wechsel nicht geschafft hat. Hier ist das anders. Ich habe mir erzählen lassen, dass der Smog früher so dicht war, dass man kaum etwas sehen konnte. Die Leute sind am liebsten an dieser Stadt vorbeigefahren. Jetzt herrscht Vollbeschäftigung, die Wirtschaft ist global vernetzt, es gibt viele mittelständische Unternehmen, Wohlstand, eine Verbindung mit der ländlichen Region rundum. Identität kann man natürlich nicht bestellen, aber sie ist im Wachsen. Dafür ist die Kulturhauptstadt der ideale Nährboden. Hier kann eine Reihe von Projekten aufgesetzt werden, die sich ambitioniert im europäischen Rahmen messen können.
Vorläufig sieht man vor allem Baustellen.
Heller: Die meisten werden nächstes Jahr nicht mehr da sein.
Was ist der Unterschied zur Schweiz?
Heller: Die Unterschiede sind größer, als ich dachte. Das Imperiale, das ist in Österreich noch immer prägend. Es gibt mehr Fatalismus, aber auch mehr Anarchismus als in der Schweiz. Die Nachkriegszeit wurde ganz anders verarbeitet: Die Sicherung der Existenz, Wiederaufbau waren in Linz das Wichtigste. Über das, was war, wurde lang geschwiegen. Der Nationalsozialismus ist daher ein wichtiger Schwerpunkt unseres Programms. Vor diesem Hintergrund soll es aber auch spielerisch zugehen dürfen.
Linz wirkt auf mich nicht verspielt.
Heller: Eben. Aber Linz ist unglaublich offen. Ich habe selten eine Stadt erlebt, in der sich so schnell etwas bewegen lässt. Diese Kräfte des Spielerischen, Experimentellen, Witzigen muss man stärken.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2008)