Im Theater Phönix läuft jetzt schon ein Stück, das die Intendanz hart kritisiert – zum Gaudium eines Teils der Linzer Kulturszene: „Der Zwerg ruft“ von Kurt Palm.
Aber das war ja meine Idee, die hier realisiert wird“, ruft Adolf Hitler: „Die Führerstadt Linz wird Europäische Kulturhauptstadt 2009!“ Davon in Kenntnis gesetzt hat ihn Schneewittchen, die wie er aus langem, todesgleichem Schlaf erwacht und aus dem Sarg gestiegen ist – am Linzer Pöstlingberg, in der Grottenbahn.
Dort spielt nämlich Kurt Palms „Der Zwerg ruft“, und das ist wie vieles in diesem – speziell für das Linzer Kulturhauptstadtjahr 2009 geschriebene – Stück gar nicht nett gemeint. Aber hintergründig.
Der Pöstlingberg, den Martin Heller, Intendant von „Linz 09“, nicht wirklich geschmackssicher zum „Heiligen Berg“ erklären will und für den er „neue Monumente“ schaffen will, war einst wesentlich in Hitlers Visionen von Linz als Weltstadt und Kulturmetropole, die ihn bis zu seinem Selbstmord verfolgten: Er wollte dort eine monumentale Sternwarte bauen, mit Darstellungen der Weltbilder von Ptolemäus, Kopernikus und Hanns Hörbiger (Begründer der zu Recht vergessenen Welteislehre).
Protégé namens Herbert von Ebensee
Palm verwendet das für seine böse Satire – genauso wie die Tatsache, dass Hitler „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ liebte, und zwar vor allem als Walt-Disney-Zeichentrickfilm. Also dürfen die beiden in der Grottenbahn zueinanderfinden (nur keusch natürlich), entdeckt und geweckt von drei Obdachlosen, Mitarbeitern der (real existierenden) Linzer Straßenzeitung „Kupfermuckn“. Die ohnehin vorhatten, dem Intendanten Reto Dunkler (=Martin Heller) eine Märchenaufführung fürs Kulturhauptstadtjahr vorzuschlagen.
Doch dieser lehnt ab, sekundiert durch einen ziemlich eingerauchten Alpinsänger namens Herbert von Ebensee. (Dessen reale Entsprechung, der oft hart am Rand zum Ethno-Kitsch balancierende Hubert von Goisern, war von Heller schon im Vorfeld von „Linz 09“ quasi als kultureller Botschafter der Stadt präsentiert worden.) Auch die Linzer Torte, die Schneewittchen, Hitler und die drei Obdachlosen genießen, mag Dunkler nicht kosten, erklärt lieber eines seiner „Linz-09“-Projekte: „Migranten backen ihre ganz persönliche Linzer Torte und machen sie zur Interventionsfläche.“
Dieser Satz ist keine Erfindung Palms. Er ist typisch für den hohlen Kultur-PR-Slang, den Heller nicht erfunden, aber perfektioniert hat. „Eine Stadt kann schweben, wenn sie sich das zutraut, Tag und Nacht“, steht z.B. im Programmheft. Es ist schwer, darüber keine Satire zu schreiben.
Kurt Palm hat sie geschrieben und dabei keine naheliegende Pointe ausgelassen, bis hin zum bekannten Vergleich von Zürich und Wiener Zentralfigur. Der Hitler, den er Helmut Fröhlich darstellen lässt, ist eher vertrottelt als dämonisch, man kann über ihn herzlich lachen. Maxi Blaha ist ein ätherisches Schneewittchen, die Obdachlosen sind rührend, hier glänzt besonders Karl Ferdinand Kratzl; dass sie alle drei Wienerisch reden, könnte in Linzer Ohren etwas seltsam klingen. Theo Helm lässt den parodierten Hubert von Goisern ganz und gar nicht sympathisch wirken.
Palm jedenfalls hatte zumindest bei der Premiere die Sympathien auf seiner Seite. Vor allem die der Linzer Kultur- und Subkulturinstitutionen, die bei „Linz 09“ nicht vertreten sind. Wie das Theater Phönix, immerhin die Off-Bühne der Stadt. Laut Plan von Airan Berg, Theaterintendant von „Linz 09“, sollte sie 2009 von der „Linz 2009 GmbH“ bespielt werden, während das Phönix-Ensemble bei Workshops in Südafrika weilen sollte. Dazu kam es nicht. Stattdessen läuft 2009 im Theater Phönix u.a. Genets „Die Zofen“, Schillers „Kabale und Liebe“ und eben „Der Zwerg ruft“. Es wird der Kulturhauptstadt nicht schaden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2008)