Ausgezeichnete Bauten, wohin das Auge reist: Dachpools, Seilbahnen, Burgen, Supermärkte.
M an steigt aufs Dach und schwimmt zwischen Bergen. Steigt man tiefer, schauen einem die Gipfel durch die breite Glasfront ins Bett. Wie auf dem Tablett wird dem Gast die postkartenbekannte Hahnenkamm-, Horn- und Wilder-Kaiser-Kulisse serviert. Das Stadtleben wirkt wie ausgeblendet, obwohl: Oben auf dieser Plattform steckt man mittendrin im Gewurl von Kitzbühel. Ziemlich raffiniert.
Vor kurzem wurde der neue Aufbau auf dem Hotel „Schwarzer Adler“ mit dem Staatspreis Architektur 2008 bedacht. Das traditionsreiche Haus verhehlt seine Wachstumsphasen nicht, sondern offenbart sie dem Betrachter. Auch dieser Umstand gefiel der Staatspreisjury. Der massive Baukörper stammt aus den weniger dezenten Achtzigerjahren, das Resultat einer Erweiterung des ursprünglichen Hauses.
Dann entstand 2000 ein „Black Spa“, es schlug ein neues Stilkapitel auf. Cool, reduziert, urban konzipierte Wolfgang Pöschl diese unterirdische Oase. Schließlich entschlossen sich die Bauherren, Christian und Andrea Harisch, zum massivsten Eingriff in die Materie, noch einmal mit Pöschl und der tatanka ideenvertriebsgmbh aus Mils: die Erweiterung in die Höhe mittels Beton, Glas und unbehandeltem Holz. Der „Schwarze Adler“ hebt ab, sein Horst ist ein 16 Meter langes Schwimmbecken – das längste Dachpool in den Alpen – plus Dachterrasse und Küche (für Events), darunter liegen lichte Studios, Highend-Unterkünfte, entworfen gemeinsam mit Innenarchitektin Monika Gogl. Von „architektonischem Statement“ und „hintergründigem Humor“ ist im Juryentscheid die Rede; sichtbar ist, dass der Bau ganz selbstbewusst regionale Zitate verweigert.
Schauplatz Talstation
Zum zweiten Mal in dieser Form galt beim Staatspreis Architektur das Augenmerk Bauten aus dem Bereich „Tourismus und Freizeit“. Nicht, dass es sich in den früheren Jahrzehnten wenig gelohnt hätte, herausragende Fremdenverkehrsarchitektur mit einem solchen Preis auszuzeichnen. Nur hätte man damals vermutlich intensiver nach lohnenswerten Objekten suchen müssen als heute. Angetrieben vom Massentourismus, prägt(e) eine ausgemachte Nutz-, Klotz- oder Lederhosenästhetik das Bauen in den Alpen. In den letzten Jahren entstand im Tourismusumfeld allerdings mehr Architektur, die höheren Gesetzen gehorcht als bloß dem optimalen Ausbauraster oder Folklorismus.
Als Österreich-Reisender trifft man mittlerweile auf gute Beispiele in Hotellerie und Gastronomie, aber auch dort, wo man das weniger vermutet. Zum Beispiel am Ende einer Skipiste, am Ende einer Kassaschlange, am Ende einer langen Bahnfahrt. Bei Jugendherbergen, auf Autobahnrastplätzen, bei Supermärkten, auf Bahnhöfen. Die Galzigbahn in St. Anton am Arlberg hat etwas von einem gläsernen Drachen, ihre Konstruktion umhüllt riesige Räder, so wird der Bau selbst zur Maschine.
Anders als herkömmliche Seilbahnen werden hier die Gondeln über große Räder ein Stockwerk hinaufbefördert und dann erst ins Tragseil gehängt. Der Entwurf der Seilbahnstation stammt von driendl*architects aus Wien. Er landete neben dem „Life Medicine Das Kurhaus Bad Gleichenberg“ oder den modularen Holzboxherbergen auf der Nominiertenliste für den Staatspreis.
In der Kategorie der „Projekte 2. Auswahlstufe“ finden sich zwei weitere Bergbahnen: die vier Stationen der Nordkettenbahn in Innsbruck von Zaha Hadid sowie die Ahornbahn in Mayrhofen von M9:Architekten.
Licht für die Ahnengalerie
Der Architekturpreis wird nicht nur für Neubauten vergeben, Kreativleistungen heimischer Baukunst liegen oft in der Neugestaltung von Altem. Dass diese nicht drastisch auffällt, sondern sich „unaufgeregt“ fügt – gerade darin liege die Leistung einer Adaption wie auf Burg Forchtenstein, die ebenfalls auf der Nominiertenliste steht. In der Anlage aus dem 17. Jahrhundert ging darum, viele – nur scheinbare – Kleinigkeiten zu beheben: die Eingangssituation verbessern, die Ahnengalerie neu beleuchten, den Wehrgang sanieren. Der Besucher der markanten Burg am Fuß der Rosalia wird's nachvollziehen können.
Den Sonderpreis „alt & neu“ allerdings bekam ein Objekt etwas neueren Datums: Das Stadtbad Dornbirn stammt aus den Sechzigerjahren, cukrowicz nachbaur architekten schufen hier einen Um- und Erweiterungsbau, der viel vom ursprünglichen Charakter erhielt, und modern und energieeffizient umgesetzt wurde. Wenn man durch das hübsche Villenviertel in Dornbirn schlendert, fällt die Kupferfassade ins Auge.
Stichwort Auge: In manchen Gebieten, speziell in Vorarlberg, reichen mitunter Neugier und individuelle Reiselust, um mit interessanter Architektur in Berührung zu kommen. Vielleicht holt man sich auch Anregungen von den Internetseiten der jeweiligen Architekturzentren.
Nahezu anleitungslos ließe sich in Tirol auch eine Architekturreise entlang der M-Preis-Supermärkte antreten. Das Familienunternehmen Mölk ließ bei ihren rund 150 Märkten laufend wechselnden Architekten freie Hand – Wiedererkennbarkeit entsteht hier durch Originalität, von Matrei in Osttirol nach Wenns, von Niederndorf bis ins centrum o.dorf in Innsbruck, das sich Architekturinteressierte auch gern einmal anschauen.
Organisiert ist das Architekturreise-Erlebnis freilich etwas dichter, zugleich kann von Experten dem Verständnis nachgeholfen werden: für das aufregend Neue und das unerkannt wertvolle Alte. Mittlerweile gibt es in nahezu jedem Bundesland mehrere Anbieter, die an Architektur heranführen, sie mehr oder weniger theoretisch in einen Ausflug oder Mehrtagestrip einbinden. Manche folgen einem Thema wie „Wein.Architektur.Reise“, einem Architekten (etwa Josef Lackner in Innsbruck und Umgebung) oder einem ganzen Zeitraum wie etwa in Klagenfurt. Dort wird man Objekte entdecken können, an denen man vielleicht schon vorbeiflaniert ist. Ahnungslos, was dahintersteckt.
ARCHITEKTUR UNTERWEGS.
■Der Staatspreis Architektur wird alle zwei Jahre in drei wechselnden Bereichen vergeben. Heuer mit nahezu 80 Einreichungen. www.staatspreis-architektur.at
■Architekturvermittlung/Exkursionen/Termine:
Ö: www.oegfa.at, www.architekturstiftung.at; V:www.architekturinform.com; www.architektur-kontakt.at; www.v-a-i.at,
W: www.azw.at; OÖ: www.afo.at;
T:www.aut.cc; St: www.hda-graz.at, www.architektouren-graz.at;
NÖ:www.orte-noe.at; B:www.archi-tekturraumburgenland.at;
S:www.initiativearchitektur.at,
K: www.architektur-kaernten.at;
Wein: www.wine-architecture.com
■Architekturreise-Ideen: www.austria.info
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2008)