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Das Kreuz der Kirche mit Pille und Kondom

Kondome
(c) Www.BilderBox.com
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Kardinal Schönborn bricht mit der Linie Kardinal Königs. Und bezichtigt ihn indirekt, sündhaft gehandelt zu haben. Bischöfe hätten Nein zu Humanae vitae („Pillen-Enzyklika“) gesagt.

Der brisante Text blieb für Monate Geheimwissen eines elitären Zirkels. Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe, Theologen halb Europas sandten ihn einander weiter. Und diskutierten ihn bei Treffen, in Telefonaten und Mails. Was selbst einem Papst mit einer Predigt selten gelingt, war Kardinal Christoph Schönborn gelungen. Bemerkenswert.

Er erregte und erregt Aufmerksamkeit mit seinen Ausführungen bei einer Messe vor Bischofskollegen in Jerusalem, gehalten am 29.März. Nicht in irgendeiner Kirche, sondern im Abendmahlsaal. Nicht vor irgendwelchen Bischöfen, sondern vor Vertretern des innerkirchlich nicht immer unumstrittenen Neokatechumenats. Bemerkenswert.

Deutlich wie nie bricht Schönborn mit der Linie seines Vor-Vorgängers Franz König – immerhin bis zum Tod während Jahrzehnte einer der weltweit geachtetsten Kardinäle der katholischen Kirche und auch heute von vielen gerade in Österreich hoch geschätzt. Noch mehr erstaunt die Wortwahl Schönborns. Immerhin wirft er Bischofskonferenzen Europas (jedenfalls jener Österreichs) nichts weniger vor, als gesündigt zu haben. Gesündigt, weil das strikte Nein von Papst Paul VI. zur künstlichen Empfängnisverhütung im Jahr 1968 nicht ausreichend unterstützt wurde. Bischöfe hätten Nein zu Humanae vitae („Pillen-Enzyklika“) gesagt. Bemerkenswert. Und er ging noch weiter, vielleicht übermannt von der Atmosphäre des geschichtsträchtigen Ortes. Der Wiener Erzbischof rief dazu auf, diese Sünde der Vorgänger zu bereuen. Ähnliches ist nur von Johannes Paul II. bekannt, der öffentlich viel beachtet am 12.März 2000 um Vergebung für Verfehlungen von Amtsträgern der Kirche gebeten hatte.

 

Warum?

Warum handelte der Erzbischof so? Drei Antwortversuche:

1. Schönborn will den Kampf gegen Pille & Co. neu aufnehmen. Und die Mariatroster Erklärung der österreichischen Bischöfe korrigieren. Nach der Enzyklika von Papst Paul VI. versuchten sie unter Führung Kardinal Königs das Verbot „lebbar“ zu machen: Ausnahmen wurden unter besonderen Bedingungen gestattet (siehe neben stehenden Wortlaut). Diese Variante ist die unwahrscheinlichste. Zu sehr ist der Kardinal auf Harmonie in der Bischofskonferenz und um Vermeiden von Konflikten in der Öffentlichkeit bedacht.

2. Schönborn wollte sich (gerade vor den sich als besonders Rom-treu definierenden Neokatechumenat-Bischöfen) im Vatikan beliebt machen. Dem Kardinal werden seit Jahren Ambitionen nachgesagt, einmal in die Glaubens-, dann in die Bildungs-, dann wieder – aber ganz sicher – in die Glaubenskongregation wechseln zu wollen.

3. Schönborn sind die Aussagen „passiert“. Das heißt: Er war sich weder deren Tragweite bewusst noch der Möglichkeit, dass sie außerhalb Jerusalems gelesen, veröffentlicht oder gar kritisch kommentiert werden könnten.

Wahrscheinlich ist Schönborns Predigt am besten vor dem Hintergrund einer Kombination der Varianten zwei und drei zu lesen. Andernfalls hätte er sich auch jetzt selbst in die Debatte offensiv einschalten müssen. Nicht nur das ist nicht geschehen. Anfragen blieben ungehört. Wenn Derartiges einem Landpfarrer im Weinviertel widerfährt, wird das kaum registriert werden. Bei einem Bischof, einem Erzbischof, gar einem Kardinal ist das anders. Bemerkenswert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2008)