Die Talfahrt der Aktienkurse hat kein Ende – wohl aber langsam die Geduld der letzten verbliebenen Privatanleger. Große Vermögen werden an der Börse während und kurz nach Crashs gemacht.
wien. Ob eine Abwendung vom Markt aber eine gute Idee ist, bleibt fraglich: Wirklich große Vermögen werden an der Börse in und unmittelbar nach Krisen gemacht. Unter anderem mit dem Einsammeln billiger Papiere, die genervte Privatanleger mit hohen Verlusten auf den Markt werfen. Was also tun? Im Folgenden die Antworten auf die wichtigsten Fragen:
1Soll ich meine geprügelten Aktien jetzt noch verkaufen?
Das hängt vom Einstiegszeitpunkt ab. Grundsätzlich sollte man Verluste strikt begrenzen (also beim Unterschreiten einer selbst festgesetzten Verlustgrenze rigoros verkaufen). Wer aber den ganzen Kurshang bis jetzt heruntergerutscht ist und damit (etwa bei Immofinanz) auf Verlusten von bis zu 95 Prozent sitzt, sollte lieber doch auf bessere Zeiten warten. Das bisschen, das man noch verlieren kann, steht in keiner Relation zu den Chancen, wenn der Markt wieder anspringt.
2Kann man in den Aktienmarkt bald wieder einsteigen?
Zeiten mit sehr hohen Kursschwankungen (wie jetzt) sind ein Paradies für kurzfristig orientierte „Wellenreiter“. Wer langfristig orientiert ist, sollte aber die Bodenbildung abwarten. Es gilt zwar als ungefährlich, mit dem Paternoster durch den Keller zu fahren, aber Sinn ergibt es keinen (zumal ja auch die Gefahr besteht, dass der im Keller stecken bleibt).
3Wann haben die internationalen Börsen den Boden erreicht?
Bei allen großen Börsencrashs (von der Tulpenhysterie im 18. Jahrhundert bis zur Dot.com-Blase zur letzten Jahrtausendwende) war der Boden nach Kursverlusten von rund 90 Prozent erreicht. Davon sind wir noch ein schönes Stück entfernt, und es muss auch keineswegs so dick kommen. Aber dass es noch ordentlich nach unten geht – davon sind alle Experten überzeugt.
4Sind Aktien nach dem Kursrutsch nicht extrem günstig?
Gemessen am KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) waren Aktien noch selten so „billig“ wie jetzt. Aber Vorsicht: Das KGV ist derzeit eine bloße „Hausnummer“ ohne jeden praktischen Wert, weil niemand die Gewinne für 2009 seriös einschätzen kann. Sinkt der Gewinn stark (was bei vielen Unternehmen passieren wird), dann wird aus dem vermeintlichen „Schnäppchen“ sehr schnell eine superteure Liebhaberaktie.
5Wieso kommen fundamental gute Blue Chips unter die Räder?
An der Börse regieren jetzt Angst und Panik. In so einer Situation interessiert sich niemand für Fundamentaldaten. Zumal die Konjunkturforscher völlig im Dunkeln tappen, weshalb zurzeit auch niemand die „fundamentale“ Geschäftssituation für 2009 und 2010 halbwegs einschätzen kann.
6Helfen Kurscharts bei der Entscheidungsfindung?
Technische Trendfolgeindikatoren auf Basis von Charts eignen sich hervorragend für Kurzfristtrading auf Sicht von ein paar Tagen. Langfristcharts sagen derzeit freilich gar nichts – außer dass der Trend steil nach unten zeigt, weshalb Langfristanleger die Finger vom Markt lassen sollten.
7Sind Einzelaktien für Privatanleger überhaupt geeignet?
Durchaus. Freilich nur für jene, die bereit sind, sich relativ intensiv mit der Materie zu befassen und Zeit (zumindest ein paar Stunden pro Woche) für „ihre“ Unternehmen und deren wirtschaftliches Umfeld aufzuwenden.
8Sind Aktienfonds eine überlegenswerte Alternative?
Ja, sind sie. Sie bieten durch breite Streuung und professionelles Management eine bessere Risikoabfederung. Aber auch hier gilt: Informieren. Es gibt eine Reihe von Aktienfonds, die heuer ganz hervorragend abgeschnitten haben, aber auch viele Fonds, die seit Jahresbeginn bis zu 80 Prozent verloren haben. Und das hätte selbst der ungeschickteste Anleger auch allein (ohne Ausgabeaufschlag und Managementgebühr) geschafft.
auf einen blick
■Anleger flüchten derzeit reihenweise aus Aktienengagements. Viele fragen sich aber auch, ob nicht bald der Zeitpunkt für einen Wiedereinstieg gekommen ist. Experten raten davon zumindest langfristig orientierten Anlegern noch ab: Der Kursboden an den internationalen Märkten dürfte noch nicht erreicht sein, es könnte trotz der schon hohen Verluste noch ein Stück nach unten gehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2008)