Theater in der Josefstadt. Stephanie Mohr inszeniert engagiert Schimmelpfennigs „Besuch bei dem Vater“, ein sanftes Wagnis. Bißmeier fällt aus der Rolle.
Joachim Bißmeier ist ein sehr intellektueller Schauspieler. Als er jung war, war das gelegentlich ein Problem. Er wirkte larmoyant. Inzwischen ist der gebürtige Bonner, der lang am Burgtheater war, bis ihn Claus Peymann vertrieb, 72. Seinen nachdenklichen, auch vergrübelt wirkenden Habitus hellte Bißmeier auf mit Grandezza und Humor.
Der von seiner schwierigen Familie und noch schwierigeren Geschäften geplagte Konsul Buddenbrook Senior in der viel gefragten Josefstädter Aufführung passt dem schlaksigen Sir wie eine zweite Haut. Aber auch in Thomas Bernhards „Über allen Gipfeln ist Ruh“ brillierte Bißmeier als eitler Dichter. So wie in Roland Schimmelpfennigs „Besuch bei dem Vater“ freilich sah man ihn noch nie: als zerfledderter Hahn im Korb eines Frauen-Haushalts wird er von seinem ihm bis dahin unbekannten Sohn herausgefordert, der aus dem attraktiv witternden Harem eine Dame nach der anderen verführt. Bißmeier als Anglist Heinrich wehrt sich – vergeblich. Er stolpert, hüpft, springt, zieht sich halb aus und ein hässliches Fransenhemd über. Er macht nach einigem Zögern der jungen Nichte seiner Frau einen Antrag, ihren Kinderwunsch komplett missverstehend. Schließlich verliert er ganz den Kopf, greift zur Flinte und will den Filius töten. Bißmeier absolviert diese ungewohnte Rolle mit der ihm eigenen Präzision, aber auch hinreißender Situationskomik, deren Selbstverständlichkeit staunen macht. Gestaunt haben wohl auch einige Josefstädter über die zeitgenössische Ergänzung zu „Buddenbrooks“: Schimmelpfennig spinnt das bürgerliche Drama fort. Ein bisschen Hauptmann („Vor Sonnenuntergang“) ein bisschen Ibsen („Wildente“), ein bisschen Thomas Bernhard („Jagdgesellschaft“). Bei der Generalprobe von „Besuch bei dem Vater“ soll es zu Missfallenskundgebungen gekommen sein. Bei der Premiere am Samstag blieben Plätze frei. Nach der Pause waren noch ein paar rote Samtpolster mehr verwaist. Die Josefstadt traut sich eben was.
Wirklich? Außer, dass vielleicht nicht jeder alles verstanden hat – war das nicht einst auch bei Thomas Bernhard so? – wirkt das Wagnis bescheiden. Schimmelpfennig, einer der wichtigeren aktuellen Autoren – er wird landauf, landab an bedeutenden Bühnen gespielt, auch am Burgtheater – erzählt eine schräge Familiengeschichte vor deutsch-deutschem Hintergrund: Anglist Heinrich lebt im Landhaus seiner zweiten Frau, im ehemaligen Osten.
Erfinderischer Zeitgeist-Boulevard
Die russischen Erstausgaben wurden dort aus der Bibliothek in ein Hinterzimmer verbannt. Schimmelpfennig zeigt die ehemalige DDR, zerrissen zwischen Ost und West. Entwurzelt aber sind alle, egal auf welchem Boden sie stehen: Der Sohn, der von Amerika nur Plattitüden zu berichten weiß und sich als Schauspieler versuchen möchte; die Tochter Heinrichs mit seiner zweiten Frau, die ebenfalls zur Bühne strebt, sich jedoch dort als „Fickmaus“ fühlt; die zweite Tochter, die Mode entwarf, scheiterte und nun mit 39 zornig dahin kümmert. Die Nichte, die im wissenschaftlichen Apparat unterschlüpfte und sich nach echtem Leben sehnt. Heinrich übersetzt „Paradise Lost“ von John Milton (1608–1674). Er und seine Familie sind unwiderruflich aus dem Garten Eden vertrieben, auch wenn sich noch ein Bild davon auf Miriam Buschs Bühne dreht, die ein desolater Turm komplett ausfüllt.
Schimmelpfennig schreibt anspielungsreichen Zeitgeist-Boulevard. Den strengen Tiefgang eines Handke oder Botho Strauß hat er nicht. Aber es ist ihm viel eingefallen zu seinen Figuren. Stephanie Mohr zeichnet sie, liebevoll und mit vielen Ideen: Die Schauspieler sind durchwegs gut, ob Florian Teichmeister als Sohn, Marianne Nentwich als boshafte Professorin, Tatja Seibt als Edith – die gleichermaßen ironische wie sehnsüchtige Ehefrau Heinrichs – oder Emily Cox als verstörte zweite Tochter Isabel.
Erfreuliche Fortschritte haben Maria Köstlinger und Ruth Brauer-Kvam in punkto schauspielerische Qualität gemacht. Köstlinger spielt die wilde ältere Tochter Ediths, Marietta, Ruth Brauer die Nichte. Die Aufführung könnte abgedrehter, durchgeknallter sein, aber das würde wohl die Schauspieler wie auch Teile des Publikums überfordern. Die Lacher zwischendurch und der kurze Jubel am Ende klangen etwas forciert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2008)