„Tod eines Handlungsreisenden“: Der amerikanische Albtraum

(c) AP (Stephan Trierenberg)
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Volkstheater. Regisseur Berner geht behutsam mit „Tod eines Handlungsreisenden“ um. Eine Glanzrolle für Heinz Marecek.

Heinz Marecek, im tadellosen hellbraunen Dreiteiler, mit Mantel, Hut und Koffer, durchquert in Gedanken versunken das Parkett des Wiener Volkstheaters und betritt die Bühne. Er sieht so erschöpft aus, als ob er das Gewicht der ganzen Welt tragen müsste. In gewissem Sinne macht er das auch, denn Marecek ist der Willy Loman in Arthur Millers berühmtem Drama „Tod eines Handlungsreisenden“, und in den nächsten zweieinhalb Stunden wird er diese Rolle erschöpfend spielen. Facettenreich, von der kleinen Geste am Rande bis zum großen Showdown an der Rampe, erfüllt er die Tragödie des kleinen Vertreters, für den am Ende der vielen Lebenslügen und verlorenen Illusionen nur eines steht – die Vernichtung.

Marecek ist bei der Premiere am Freitag eine überzeugende Interpretation gelungen, und das war sicher nicht leicht. Denn dieses monumentale Stück aus dem Jahre 1949 mit der zeitlosen Botschaft vom Sterben des armen Mannes ist zugleich auch sehr seiner Zeit verhaftet, selbst wenn sich Wirtschaftskrisen wiederholen. Es geht um mehr als nur Ökonomie, es geht ums rechte Leben.

Der Seitensprung – das Video

Regisseur Dieter Berner hat eine solide Lösung angestrebt. Die Inszenierung ist verlässlich im Text, etwas bieder geraten, sie ist ohne deutliche Anspielungen auf die Aktualität im Amerika der Mitte des vorigen Jahrhunderts angesiedelt. Die Kostüme (Mechthild Feuerstein) wirken historisch, auf der Bühne (Hyun Chu) ist das Haus der Lomans mit zwei Treppen in den ersten Stock abstrakt geraten. So kennt man die USA aus alten Filmen: Die Fassade, die wie ein zerfallendes Autokino im amerikanischen Nirgendwo wirkt, dient zugleich als Leinwand für Videos, die Autofahrten und Seitensprünge des Helden dokumentieren.

Das ist viel zu plakativ, denn „Tod eines Handlungsreisenden“ ist durch die Erinnerungsebene mit der mysteriösen Figur von Onkel Ben (Rainer Frieb) bereits überhöht genug. Das Drama spielt in Harrys Kopf; jetzt gibt es eben auch noch das Video dazu. Immerhin hat Alexandra-Maria Timmel in diesen Sequenzen geheimnisvolle, starke Auftritte als Geliebte Lomans. Dann wallt die Musik (Komposition: Daniel Dickmeis) besonders bedrohlich.

Berner setzt noch eins drauf. In der Eingangsszene kommen nach und nach alle Figuren auf die von Anfang an offene Bühne, manche vom Saale her, schauen tiefgründig ins Publikum, schweigen, gehen wortlos ab, ehe Marecek seinen ersten Auftritt hat. Am Schluss, als er ausgelitten hat, fällt der große schwarze Vorhang wie ein Leichentuch herab, auch das ist überdeutlich. Schließlich darf die Witwe Linda (Claudia Sabitzer), die eine ergebene, bewundernde Hausfrau ist, ihren Abschiedsmonolog halten. Dabei beeindruckt sie wie schon zuvor in ihren großen Passagen mit den Söhnen.

Ein wenig schwer tun sich Till Firit als Biff und Raphael von Bargen als Happy bei den heiklen Übergängen von den Traumpassagen, in denen sie die jungen Hoffnungen der Familie als Teenager spielen, zu den enttäuschten Hoffnungen als nicht mehr ganz so junge Männer in der tatsächlichen Handlung. Das wirkt etwas aufgesetzt, aber Firit, der die bittere Konfrontation mit seinem Vater führt und ihm die Wahrheit beibringt, gewinnt schließlich an Format, als er nicht mehr den pubertären Angeber spielt oder den Außenseiter, der sich dem System versagt, sondern einen Liebenden.

Das Ensemble harmoniert; gut finden sich Alexander Lhotzky als diskreter, Loman stets helfender Charley, Günther Wiederschwinger als dessen erfolgreicher Sohn Bernard und Thomas Meczele als eiskalter junger Boss in ihre Rollen ein. Die sind die Gewinner im großen Glücksspiel des amerikanischen Way of Life, während Onkel Ben fast schon wie seine Karikatur wirkt. Selten ist das markante Lachen Friebs so angebracht wie in diesen Traumszenen. Lässig hat dieser Todesengel den Pelzmantel umgeworfen, raucht Zigarre und will Loman nach Alaska locken, wo das Geld angeblich auf der Straße liegt. Diese Abzweigung aber hat der Handlungsreisende verpasst. Sie ist auch nicht die Lösung des Problems. Der amerikanische Traum wird für alle, die nicht funktionieren, zum Albtraum.

Termine im Volkstheater: 24., 30. 11., 3., 6., 9., 16., 18., 22. 12.; Karten: 01/521 11-400

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2008)

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