Rechnung ohne Sozialpartner

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Jedes Land hat die Arbeitnehmervertreter, die es verdient.

Wir schlittern gerade in die größte Wirtschaftskrise seit 50 Jahren. Und die Frage, ob unsere Sozialpartner das verstanden und die Konsequenzen daraus gezogen haben, ist seit der Vorwoche ausreichend geklärt: Da hat der Chef des Nichtsozialpartnervereins Industriellenvereinigung, Veit Sorger, nämlich einen Vorschlag gemacht, wie man die zu erwartenden Auftragseinbrüche ohne die ganz großen Kündigungswellen überbrücken könnte.

So: In der – wie gesagt absehbaren – auftragsschwachen Zeit sollten dann nicht gebrauchte Fachkräfte zu 75 Prozent ihres Nettolohns im Unternehmen verbleiben. Die Kosten sollten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer (je 25 Prozent) mit dem Arbeitsmarktservice (50 Prozent) teilen.


Über die Ausgestaltung und Lastenverteilung hätte man jetzt natürlich diskutieren können. Im Prinzip ist der Vorschlag aber nicht so unintelligent: Die Arbeitnehmer bekämen mehr als bei Kündigung (75 Prozent des Nettoeinkommens statt 55 Prozent Arbeitslosengeld), das AMS würde etwas weniger zahlen (50 statt 55 Prozent), und die Unternehmen könnten, wenn die Konjunktur wieder losgeht, auf ihre ausgebildeten Fachkräfte zurückgreifen.

Die Rechnung ist aber ohne die Sozialpartner gemacht: Gewerkschafter Wolfgang Katzian empfindet das als „unverschämt“, Neo-ÖGB-Chef Erich Foglar gar als „Frotzelei“ und AK-Chef Herbert Tumpel sagt, das sei „nicht akzeptabel“. Tumpel rechnet übrigens mit 100.000 zusätzlichen Arbeitslosen und meint, wichtig wäre es jetzt, zwecks Konjunkturimpuls die Massenkaufkraft zu stärken. Das geht mit 100.000 zusätzlichen Arbeitsloseempfängern wohl leichter als mit Beschäftigten, die weniger als zuletzt, aber mehr als das Arbeitslosengeld bekommen. Oder wie?

Tja, jedes Land hat wohl die Arbeitnehmervertreter, die es verdient. Auf Betriebsebene sieht es aber ohnehin anders aus. Dort hat jetzt etwa der Kartonkonzern Mayr-Melnhof für genau diesen Fall ein „Stempelmodell“ à la Bau ausgehandelt. Da werden Mitarbeiter mit Wiedereinstellungszusage gekündigt. Das ist vom Sorger-Modell nicht so weit entfernt. Mit dem gravierenden Unterschied, dass das den Betrieb gar nichts kostet, den Arbeitnehmern netto aber weniger bringt. Offenbar ist dieses Modell aber wesentlich gewerkschaftskompatibler. Na dann.


josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2008)

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