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Fettes Brot: Vom Pullunder zur goldenen Trainingsjacke

boris lauterbach
boris lauterbach(c) EPA (Daniel Karmann)
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Alte Schule der Lustigkeit: Die auch schon 15 Jahre alte Hamburger Hiphop-Band „Fettes Brot“ war am Sonntag im Wiener Gasometer. Beschallt von wuchtigen Bässen.

Mit Hut, Hemd und spießigem Karopullunder bekleidet: Fettes Brot wirken smart, vielleicht sogar smarter als je zuvor, als sie die Bühne betreten. Beschallt von wuchtigen Bässen, reimen sie sodann mit hanseatischem Akzent fleißig ins Mikrofon.

An diesem Sonntagabend im Wiener Gasometer hat es den Anschein, als seien Doktor Renz (Martin Vandreier), König Boris (Boris Lauterbach) und Björn Beton (Björn Warns) nach 15 Jahren im Geschäft reifer geworden. Vielleicht auch im Bewusstsein, neben den Fantastischen Vier zu den letzten Überlebenden des betont lustigen deutschen Sprechgesangs der 90er-Jahre zu zählen. Auch das Publikum ist älter. Wirklich junge Gäste sind kaum zu sehen. Die schütteln wohl lieber zur Musik der bösen Stadtrand-Rapper Sido oder Bushido ihre Köpfe (und Fäuste). Hier sieht man keine überweiten Hosen, diese dauerhaften Markenzeichen des Hiphop, nicht einmal zu weite T-Shirts.

Ganz so reif sind die Hamburger dann doch wieder nicht. Sie kokettieren bloß ganz gerne damit. Denn wo oben schick, wird unten Jogginghose getragen. Kein Wunder. Denn auf dem Programm steht „Strom und Drang“, so heißt das aktuelle Album. Und: Tanzen wird vorausgesetzt. Bequeme Hosen können also nur von Vorteil sein. Insbesondere dann, wenn Hits wie „Bettina, zieh dir bitte etwas an“ („Strom und Drang“), oder „Da draußen“ („Fettes Brot für die Welt“) intoniert werden. Exzessives Posen gehört bei den „Broten“ natürlich auch dazu. Björn Beton, König Boris oder Doktor Renz stellen sich auf Boxen, lassen sich, umgeben von Nebelschwaden, mit Scheinwerfern beleuchten. Zeitgleich wippen sie kräftig mit den Armen. Auch die 2500 Gäste hüpfen nach Kräften – und kreischen gehörig, wenn die Rapper sich „kritisch“ geben, z.B. erklären, dass man Musikcastingshows vergessen könne. Nein so was. Da kommt dann auch der Humor nicht zu kurz: Ein fingierter Stromausfall soll darauf hinweisen, dass es in Österreich an Atomkraftwerken fehlt.

Ansonsten hat man's schwer mit dem Verstehen der Texte. Bässe und Blasinstrumente sorgen zwar für Stimmung, überlagern die Stimmen aber fast völlig. Doch wer ein Radio besitzt, kann ja zumindest bei Songs wie „Emanuela“ den Refrain mitsingen. So kommt man gut durch den Abend – und wird am Schluss mit einem glänzenden Anblick belohnt: Alle Musiker tragen goldene Trainingsjacken. Das nennen wir Old-School-Bewusstsein!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2008)

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