Paul Rusesabagina wurde berühmt, weil er in Ruanda Menschen vor dem Völkermord rettete. Er fordert einen entschlossenen Nato-Einsatz im Kongo.
Die Presse: Sie sind berühmt geworden, weil Sie während des Völkermords in Ruanda knapp 1300 Menschen in Ihrem Hotel aufgenommen und ihnen so das Leben gerettet haben. Wenn Sie zurückblicken: Was können wir aus diesen Ereignissen lernen?
Paul Rusesabagina: Bis jetzt hat man offenbar noch nicht viel daraus gelernt. Die internationale Gemeinschaft hat damals ihre Augen verschlossen, aber nicht nur vor dem Genozid, sondern auch vor dem Bürgerkrieg. Wenn wir aus Ruanda lernen wollen, müssen wir unsere Augen darauf richten, was aktuell im Kongo passiert.
Erst kürzlich hat der Sicherheitsrat beschlossen, die UN-Truppen im Kongo aufzustocken. Macht das in Ihren Augen Sinn?
Rusesabagina: Es kann keine Lösung sein, die Anzahl der Beobachter zu erhöhen. Sie stören zwar die Mörder, bleiben aber letztlich stumme Zeugen.
Was ist der Unterschied zwischen der damaligen Situation in Ruanda vor Ausbruch des Völkermords 1994 und der jetzigen im Kongo?
Rusesabagina: In Ruanda haben wir nie gewusst, dass die UN-Soldaten lediglich da waren, um zu beobachten und nicht, um die Bevölkerung zu beschützen. Während des Genozids hatten die Vereinten Nationen nur 2500 Soldaten in Ruanda. Die ganze Welt hat weggesehen. Als das Morden begann, flüchteten sich die Menschen in Kirchen, Schulen, Hotels unter den Schutz der Vereinten Nationen. Diese aber entschieden sich, uns den Rücken zu kehren. Jetzt hat die UNO wenigstens 17.000 Soldaten im Kongo.
Warum können sich die Regierungstruppen im Kongo nicht gegen die Rebellen durchsetzen?
Rusesabagina: Der Kongo ist wie ein Dschungel: Es fehlt die Infrastruktur, es gibt keine Straßen, um die Regierungstruppen entsprechend auszustatten. Die Rebellen hingegen werden von der ruandischen Regierung aufgerüstet. Außerdem finanzieren sie sich auch selbst über den Abbau von Rohstoffen.
Der Präsident des Kongo, Joseph Kabila, hat die ruandische Regierung mehrmals aufgefordert, sich nicht in den Konflikt im Kongo einzumischen. Welches Interesse hegt Ruanda an diesem Konflikt?
Rusesabagina: Ruandas Präsident Paul Kagame versucht, die internationale Aufmerksamkeit von den Problemen im eigenen Land auf ein anderes Ziel umzulenken. Aber es geht auch um Rohstoffe. Warum dringt Ruanda immer wieder in den Kongo ein? Der Kongo ist der größte Coltan-Produzent – damit werden unter anderem Handys hergestellt. Verkauft wird es allerdings von Ruanda aus. Die ruandischen Warlords beuten das Land aus und wirtschaften dabei in ihre eigenen Taschen.
Der Rebellenführer Nkunda hat die UNO davor gewarnt, mehr Soldaten in den Kongo zu schicken. Muss man das als Drohung erachten?
Rusesabagina:Nkunda selbst ist eine Erfindung: Er ist ein Ruandese, der jahrelang mit den ruandischen Rebellen gekämpft hat. Er kämpfte damals für Paul Kagame, der jetzt Präsident von Ruanda ist. Erst nach 1996 ist er Kongolese geworden. Und ja, das war eine Drohung. Aber auch eine Herausforderung. Wir brauchen hier das Engagement der Nato, nicht das der Vereinten Nationen. Wenn die Nato 1999 nicht beschlossen hätte, in Jugoslawien einzugreifen, wäre Milosevi? bis an sein Lebensende Präsident geblieben.
Ist Afrika bereit für Demokratie?
Rusesabagina: Afrika ist für alles bereit. Die Menschen sind stets den Regimen gefolgt, die man ihnen aufgebürdet hat. Demokratie könnte eine Entlastung sein.
Sie haben gesagt, während des Genozids in Ruanda Ihren Glauben in die Menschen verloren zu haben. Haben Sie ihn wiedergefunden?
Rusesabagina: Jeder Einwohner Ruandas hat damals seinen Glauben verloren. Wir waren ein stolzes Volk, aber während des Genozids hatten wir das Gefühl, Gott habe uns aufgegeben. Viele dieser Menschen haben ihren Glauben noch immer nicht zurückbekommen, weil nach wie vor getötet wird.
Das Admiralkino zeigt im Rahmen der „Human Aid 4 Life“ Filmtage (veranstaltet von der Europäischen Kommission) noch bis zum 27. 11. Filme über humanitäre Krisen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2008)