Zumindest an Mäusen werden erworbene Eigenschaften über Generationen weitergegeben.
Wir wollten sehen, ob der gegenwärtige Anstieg der Fettleibigkeit in den USA Langzeitfolgen hat“, berichtet Tracy Bale (University of Pennsylvania) auf dem Jahreskongress der Society for Neuroscience in Washington. Die Frage zielte nicht darauf, ob und wie Kinder lernen, sich mit Fast Food vollzustopfen, wenn sie sehen, dass Eltern das tun. Es ging darum, ob das von den Eltern praktizierte Verhalten auf innerem Weg zu den Kindern kommt, mit den Genen.
Nach herkömmlicher Sicht ist das ausgeschlossen. Zwar hatte sich Lamarck das Vererben von Erlerntem vorgestellt, auch Darwin liebäugelte bisweilen damit, aber dann kam, Ende des 19. Jahrhunderts, Eduard Weismann und errichtete die „Weismann-Barriere“: Ihr zufolge gibt es zwei Typen von Körperzellen, die der „Soma“ – das ist alles, woraus unser vergänglicher Leib besteht, Knochen, Muskeln etc. – und die der „Keimbahn“, Eizellen und Sperma. In ihr liegt die unsterbliche Information, die von Eltern an Kinder geht, und in ihr liegt sie, seit die Eltern selbst gezeugt wurden. Was sie später erlernt haben – fettmachende Esssitten etwa, die sich in Hirnzellen festgesetzt haben –, kommt nie auf den Nachwuchs, es gibt keinen Weg von „Soma“ zu „Keimzellen“.
Futter der Mütter färbt Fell der Jungen
Dass die Träger der Information Gene sind, wusste man zu Weismanns Zeiten noch nicht, aber seine Barriere hielt auch dann, über ein Jahrhundert; erst in der letzten Zeit wird sie rissig. Vor zwei Jahren bemerkte David Martins (Sydney), dass die Ernährung von schwangeren Mäuseweibchen Einfluss auf die Gene ihrer Jungen hat. Wenn die Weibchen ein Spezialfutter erhielten, bekamen die Jungen eine besondere Fellfarbe. Diese gaben sie an ihre Jungen weiter, auch wenn sie selbst das Spezialfutter nicht zu sich nahmen: Ihre Gene waren (in der Buchstabenfolge des Codes) auch nicht verändert – soweit hielt Weismanns Barriere –, aber die Aktivität der Gene war durch Epigenetik verändert. Die kann Gene dadurch in- bzw. aktivieren, sodass sie etwa Methylgruppen an sie anhängt.
Das Spezialfutter war reich an Methylgruppen, aber es geht auch mit ganz normalem Futter: Bale fütterte Mäuse mit einer fettreichen Diät, die Jungen wurden größer als normal, bei deren Jungen war es wieder so: Die Forscher fanden auch epigenetische Änderungen in einer Gehirnregion, die den Appetit mit steuert, den Details sind sie noch auf der Spur (Naturenews, 20.11.).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2008)