Die Staatsoper spielt „Salome“ mit unzureichenden Mitteln, Aron Quartett und Wiener Symphoniker demonstrieren, wie man Schwieriges meistert.
Das war einmal eines der Vorzeigestücke der musikalischen Moderne. Heute ist es – im Jugendstil-Dekor Jürgen Roses von Anfang der Siebzigerjahre – ein Repertoirestück, bei dem nichts die Philharmoniker aus der Ruhe bringen kann: „Salome“ von Richard Strauss, eine Partitur, die in allen Farben schillert, koloristisch und harmonisch, rhythmisch heikel, aber irgendwie, weil man sich längst drauf eingehört hat, mit dem wienerischen Schmäh zu bändigen wie ein Josef-Strauß-Walzer. Da geht es ja auch nicht genau so zu, wie notiert, sondern die Richtung stimmt – und die dramaturgische Botschaft „kommt rüber“.
Die Richard-Strauss-Oper in der 182.Aufführung der Barlog-Inszenierung, einst von Karl Böhm musikalisch betreut, heute unter den Händen von Routiniers wie Leif Segerstam alles andere als raffiniert, doppelbödig, irisierend tönend – der Dirigent macht gar keine Anstalten, gestaltend tätig zu werden. Er gibt den Takt vor – und in der Regel geht alles relativ glatt. Von Spannungsaufbau oder sinnvoll gesteigerten musikalischen Phrasen ist keine Rede. Das macht es für die Sänger nicht leicht, die schlank gewordene Deborah Voigt als Titelheldin inmitten, die auch stimmlich verloren hat. Von der einstigen Leuchtkraft sind nur noch Rudimente erkennbar, vieles klingt angestrengt, mit Mühe in die Nähe der richtigen Tonhöhe gehievt; vor allem aber ohne jene weiten Bögen, die das Melos von Strauss so unverwechselbar machen.
So kann ein Meisterwerk der Moderne nur in einer Art Abziehbild erkennbar werden, zumal rund um den Star erschreckendes Vokalmittelmaß zu vermerken ist. Debütant Gerhard A. Siegel ist zwar ein prägnanter, grell karikativ agierender Herodes, dem im entscheidenden Moment aber doch die Durchschlagskraft fehlt, Morten Frank Larsen, Einspringer vom Dienst, wirft sich in letzter Minute an Stelle eines erkrankten Kollegen mit schöner, aber oft kaum hörbarer Stimme als Jochanaan in die Schlacht, die er verlieren muss. Obacht, bitte, auf diesen Bariton, der sich mutwillig zu verschleißen droht!
Von den Vorteilen des Konzertbetriebs
Das Konzertleben hat es leichter, den enormen Herausforderungen schwieriger Partituren vom Anfang des 20.Jahrhunderts gerecht zu werden. Jüngst feierte das Aron Quartett seinen zehnten Geburtstag – und konfrontierte gemäß seinen Neigungen minutiös und lebendig dechiffrierte Stücke von Mozart und Smetana („Aus meinem Leben“) mit Anton Weberns Opus 5 und Bartóks Drittem Streichquartett. Zwei höchst unterschiedliche Emanationen moderner musikalischer Denkungsart, wild und rhythmisch zupackend der ungarische Meister, fein verästelt, hier jäh auffahrend, da flüsternd, und von den Interpreten bis in feinste Winkel auf ihren Ausdrucksgehalt hinterfragten Botschaften: Das Aron Quartett leistet hier in Sachen unmittelbar verständlicher, geradezu spontan wirkender Exegese Vorbildliches.
Auch die Wiener Symphoniker haben unter Wladimir Fedosejew jüngst bewiesen, dass man von wütenden Klanggebärden einer Achten Schostakowitsch bis zu den heiklen Klangübermalungen, die Alfred Schnittke in „(k)ein Sommernachtstraum“ vorgeblichen Rokoko-Klängen angedeihen lässt, dank akribischer Detailarbeit und Verständnis für architektonische Zusammenhänge ein Publikum fesseln und begeistern kann. Die Frage, ob dergleichen interpretatorischer Ernst im Repertoirebetrieb eines Opernhauses überhaupt Platz finden kann, steht auf einem andern Blatt.
SALOME im Haus am Ring
■Deborah Voigt singt die Titelpartie noch am 27. und 30. November unter der Leitung von Leif Segerstam an der Seite von Gerhard A. Siegel (Herodes), Wolfgang Koch (Jochanaan) und Margareta Hintermeier (Herodias).
■Angela Denoke wird Salome am 8., 11. und 14.2.2009 singen. Dirigent: Stefan Soltesz; mit Thomas Moser und Alan Titus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2008)