Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen: Die Immofinanz zeigt auch ein erschütterndes Sittenbild heimischer Aufsichtsratskultur.
Manches dauert ein bisschen länger in dieser Republik. Die Immofinanz-Affäre köchelt ja schon ein einige Monate vor sich hin, und die Vorwürfe sind nicht von schlechten Eltern: Betrug, Untreue, Bilanzfälschung vermutet die Staatsanwaltschaft im Umfeld des Immobilienskandals. Das hat durchaus Bawag-Qualitäten – und die Schadenssumme für die Aktionäre ist unterdessen höher als jene, die seinerzeit die Gewerkschaft zu tragen hatte.
Bei dieser Lage ist es wohl nicht zu viel verlangt, wenn Staatsanwalt und Wirtschaftspolizei einmal bei den Beschuldigten (für die selbstverständlich die Unschuldsvermutung gilt) vorbeischauen. Gestern, ein paar Monate nach „Ausbruch“ der Affäre, ist das auch schon geschehen. Wer irgendetwas zu verbergen hatte, hat dafür wohl ausreichend Zeit gehabt.
Aber wir wollen nicht mäkeln: Hauptsache, es geschieht etwas. Die Justiz wird jetzt wohl klären, was Sache ist. Und wir sollten uns nun den strafrechtlich nicht relevanten Aspekten der unglaublichen Affäre zuwenden. Beispielsweise der Frage, was österreichische Aufsichtsräte so treiben, wenn der Tag lang ist. Außer Tantiemen kassieren. Das unglaubliche Finanzringelspiel der Immofinanz hat sich jedenfalls unter den Augen hochkarätiger heimischer „Aufsichts“räte abgespielt. Oder unter deren krampfhaftem Wegschauen. Diese Herrschaften sollte man auch einmal zur Verantwortung ziehen – so sie eine haben. (Bericht: S. 17)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2008)