Jack Londons Abenteuerroman, „Der Seewolf“, in einer neuen Verfilmung von Pro7: Nah am Text und manchmal sogar subtil.
Sie war gekocht. Das sagten ältere Buben im Dorf zu den jüngeren, die krampfhaft versuchten, es Kapitän Larsen nachzumachen und eine rohe Kartoffel mit der bloßen Hand zu zerquetschen. So stark kann keiner sein, sagten die Halbstarken, als damals, 1971, Raimund Harmstorf als „Seewolf“ im gleichnamigen Fernsehfilm souverän seine Kraft bewies. Das war eine Schlüsselszene in dem Vierteiler des ZDF, einem Straßenfeger aus der Urzeit des deutschen Farbfernsehens. Regisseur Wolfgang Staudte hat in dieser gediegenen Arbeit nicht nur den seit 1920 öfters verfilmten Bestseller, „Der Seewolf“ (1904), verwendet, sondern mehrere Romane und Erzählungen Jack Londons.
Am Montag und Dienstag wurde auf Pro7 wieder gedrückt, den Seewolf spielt diesmal in einer aufwendigen zweiteiligen Produktion der deutsche Hollywoodstar Thomas Kretschmer; seine Kartoffel sieht tatsächlich roh aus, Saft quillt, es bröselt nicht, sondern harte Stücke quellen aus der groben Hand hervor, man riecht geradezu die Stärke, die heruntertropft. Ganz realistisch schaut das unter der Regie von Christoph Schrewe aus, so wie der beißwütige Hai, der den Leinensack mit einem toten Seemann zerfetzt. Der Film ist ein Reißer, ganz klar, das signalisiert schon die fleißig gerührte Musik. Hyperrealistisch gar wirken die tiefen Wunden, die sich die rauen Matrosen im Kampf beifügen, und modisch sind auch die Zooms, in denen Larsens Schoner, die „Ghost“, kleiner wird und schließlich aus der Vogelperspektive nur ein unbedeutender Punkt im Ozean ist, als kommentierte man das Grundgefühl in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts.
Die Verlorenheit passt zur Philosophie, die den bärenstarken Kapitän prägt. Mit dem schiffbrüchigen Autor und Gentleman, Humphrey van Weyden (Florian Stetter), diskutiert er auf dessen unfreiwilliger Fahrt ins Eismeer über das Recht des Stärkeren, die Grausamkeit der Natur. Beiläufig streichen die Hände dabei über eine zerlesene Ausgabe von Charles Darwins „Der Ursprung der Arten“, er hat auch Werke des Naturforschers Herbert Spencer und des gottlosen Philosophen Friedrich Nietzsche griffbereit. An ähnlich reflexive Szenen im „Seewolf“ von 1971 erinnert man sich vergeblich, da waren nur die Kartoffeln gekocht, die Handlung blieb roh.
Diese Abenteuergeschichte ist aber auch ein Entwicklungsroman, das kommt bei Regisseur Schrewe deutlich raus, er hält sich recht genau an die literarische Vorlage, verzichtet jedoch auf einen Ich-Erzähler. Der kultivierte junge van Weyden muss sich in einer rücksichtslosen Männerwelt behaupten. Jack London selbst hatte 1893 als 16-Jähriger erste Seemannserfahrungen auf einem Robbenfänger gemacht. Die neue Verfilmung bleibt nah dran an solch einer Initiation. Ein aufmüpfiger Schiffsjunge und van Weyden, der von Larsen gezwungen wird, als Gehilfe des Schiffskochs zu arbeiten, haben etwas Lustknabenhaftes. Der Kapitän ist nicht das einzige Ungeheuer an Bord, in dieser strapaziösen Umgebung.
„Survival of the Fittest“
Van Weyden wächst in 180 Filmminuten zu einem ernsten Gegner des wölfischen Kapitäns heran. Dessen simplifiziertes „Survival of the Fittest“ kontert er mit differenzierteren ethischen Prinzipien und hat damit auch Glück bei den Frauen. Die beiden Männer buhlen um die Gunst der jungen Maud Brewster (Petra Schmidt-Schaller). Auch sie hat einen Schiffbruch erlitten und erlebt mit van Weyden eine nette Pro7-Robinsonade. Der Übermensch ist tot. Bei Darwin überleben nur die Angepassten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2008)