Philharmoniker, Thielemann und ihr um Schumann vermehrtes symphonisches Abenteuer. Thielemann nutzt die Gunst der Stunde und der Musikergemeinschaft zu feinsinnigster Detailarbeit.
Für schnelle Tempi ist Christian Thielemann nicht berühmt. Und doch: Seine Interpretationen der ersten beiden Beethoven-Symphonien sind wenigstens so rasch wie jene legendären Wiedergaben, die einst Herbert von Karajan in seinen richtungsweisenden Gesamtaufnahmen in London und Berlin vorgab. Auch die Subtilität, mit der die Wiener Philharmoniker ans Werk gehen, hat etwas mit der transparenten, lockeren Sichtweise zu tun, die damals kultiviert wurde.
Vielleicht war der Verzicht auf Pathos und großen, romantisierenden Ton das Überraschungsmoment des mit Spannung erwarteten Auftakts zum Beethoven-Projekt. Er fand im Konzerthaus statt. Die Aufnahmen aller neun Symphonien werden dann jeweils im Musikverein gemacht. „Die letzten Aufführungen in einer Reihe sind in der Regel die gelungensten“, meinte Christian Thielemann im „Presse“-Gespräch.
Vom spannenden ersten Mal
Die ersten hingegen die aufregendsten, möchte man entgegnen. Die Philharmoniker spielen für den Maestro mit Staunen erregender Hingabe. Die kleinste Begleitfigur wird musiziert, als ob es nichts Erfüllenderes auf der Welt gäbe, als ein Tremolo auf D oder Fis zu exekutieren. Soli erklingen dann entsprechend ausdrucksstark und animiert; und der Gesamtklang ist hingebungsvoll austariert – sonor und satt, wie die wienerische Klangkultur selten demonstriert wird.
Auf solchem Grund ist herrlich Musik zu machen, Thielemann nutzt die Gunst der Stunde und der Musikergemeinschaft zu feinsinnigster Detailarbeit, gewährt dem Orchester aber auch Atem zu vollmundiger Phrasierung. Es ist ein Geben und Nehmen auf allerhöchstem Niveau – und am spannendsten dort, wo Verzögerungen oder Beschleunigungen an der einen oder anderen Nahtstelle sich natürlich ergeben, wo man gewähren lässt, doch die Rückungen noch spontan entstehen, sich nicht bereits gewohnheitsmäßig einstellen.
Das war das Überraschungsmoment dieses Abends, in dessen Zentrum Schumanns rares Violinkonzert zu erleben war: Das Werk gilt als undankbar. Der tapfere Solist Rainer Küchl kann ein Lied davon singen – oder eben nicht, denn gesangliche Phrasen gönnt ihm der Komponist zwischen aberwitzigen Doppelgriffen und einander jagenden Zweiunddreißigstel-Läufen kaum. Das war auch bei Gidon Kremer einst mühsam für Spieler wie Hörer. Doch den romantische Ton, auf den er sich so gut versteht, trifft Thielemann mit den Philharmonikern hier vom ersten Moment an. Also doch ein recht feines Erlebnis – zwischen zwei phänomenalen Klassikerereignissen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2008)