Mindestens jeder Vierte der 697.000 US-Veteranen, die am Golfkrieg 1990/91 teilnahmen, leidet heute am "gulf war syndrome". Es kommt von Insektiziden und einem Mittel gegen Giftgas.
Ich kam am 6.Januar 1991 im Theater an“, berichtet ein US-Colonel mit dem Codenamen GR – er meint mit „Theater“, was Soldaten eben damit meinen, das „Kriegstheater“ vulgo Schlachtfeld –, „es gab häufig Attacken mit SCUD-Raketen und dann Chemiewaffenalarm, aber man sagte mir, es seien Fehlalarme. Ich wurde krank und gegen Schwindel, Kopfweh und Durchfall behandelt. Ich hielt das für Folgen der Sonne, des Sandes, der Fliegen, der Flöhe und des Schlafmangels. Aber die Symptome hielten an, als ich nach Hause zurückgekehrt war, und sie wurden immer ärger.“
Solche Berichte gibt es viele – auf Veteranenverbänden-Homepages, etwa www.gulfwarvets.com –, der des Colonels hat es in das Einleitungskapitel des bisher letzten Versuchs gebracht, das seltsamste Leiden im/am seltsamsten aller Kriege zu erhellen, das „gulf war syndrom“ (GWS): Am 2. August 1990 überfiel der Irak Kuwait, am 17. Januar 1991 kam der Gegenschlag alliierter Truppen unter Führung der USA, am Boden wurde kaum vier Tage gefochten, die Alliierten hatten so gut wie keine Verluste (die Iraker enorme), manche träumten vom Krieg ohne Blutvergießen, auch ohne Trauma.
Letzteres war noch in jedem Krieg eine Folge der Erlebnisse der Gemetzel. Selbst Helden waren nicht gefeit, Achill verfiel nach dem Tod seines Freundes Patroklos erst in Trübsinn, dann in Berserkerwut. Und das gewöhnliche Fußvolk litt auch, selbst wenn es körperlich unversehrt – auch nicht wahnsinnig geworden – aus den Schützengräben kam: Der Erste Weltkrieg schlug vielen auf das Herz, der Zweite auf den Magen, das waren jeweils auch die Krankheiten der Zeit in den zivilen Gesellschaften. Offenbar setzten die posttraumatischen Leiden dort somatisch an.
Aber im Golfkrieg gab es für die Alliierten fast keine Traumata, viele waren nie in Feindberührung, andere hatten nicht einmal die USA verlassen und zeigten doch die GWS-Symptome, sie sind sonder Zahl, auch das trug dazu bei, dass das Leiden offiziell nicht ernst genommen wurde, man hielt es eher für Kriegsttheater, im zivilen Wortsinn.
Das geht nun endgültig nicht mehr: Mindestens jeder Vierte der 697.000 US-Veteranen hat das GWS, bilanziert das „Research Advisory Committee on Gulf War Veterans' Illnesses“, das im Auftrag des US-Kongresses tätig wurde: „Seit 17 Jahren leiden Veteranen daran und treffen doch immer noch auf Zynismus und Zweifel an ihrem Geisteszustand“, erklärt die wissenschaftliche Leiterin, Roberta White (Boston Medical School): „Aber die Krankheit ist real, und sie ist das Ergebnis neurotoxischer Substanzen, denen die Soldaten ausgesetzt waren.“
Ölqualm, Uranmunition, Giftgas?
Damit gibt es endlich auch Ursachen, über die viele Mutmaßungen und Verschwörungstheorien umgingen, manche Veteranen verdächtigten das eigene Militär und dessen Experimente mit biologischen und chemischen Waffen. Auch die Palette der ernsteren Kandidaten ist lang: Der Irak hatte Chemiewaffen, die Alliierten hatten mit Uran ummantelte Munition, sie schossen damit auch Ölfelder in Brand. Aber deren Qualm war es nicht, die Uranmunition war es auch nicht – man nimmt das Metall seiner Härte wegen, es strahlt kaum –, und bei den Chemiewaffen des Irak waren tatsächlich alle Alarme Fehlalarme (nur einmal sprengten die GIs ein Waffenlager).
Bleiben die neurotoxischen Substanzen: Zum einen waren das Insektizide. Die wurden an die Soldaten verteilt, um sie vor Flöhen etc. (und den von ihnen übertragenen Krankheiten) zu schützen; viele Soldaten taten ein Übriges und besorgten sich Hundeflohhalsbänder. Zum Zweiten war es PB, Pyridostigminbromid, das ist ein vorbeugenden Mittel gegen das Giftgas Sarin. Das blockiert einen Neurotransmitter, PB tut es auch, es besetzt die Stellen, an denen Sarin wirkt: Ist PB vorher da, schützt es vor Sarin, aber offenbar nicht, ohne selbst zu schaden.
Golfkrieg
■Am 2.8.1990 überfiel der Irak den Nachbarn Kuwait, der zweite Golfkrieg hatte begonnen (im ersten hatte der Irak den Iran überfallen). Am 17. Januar 1991 attackierte eine Koalition unter US-Führung, nach kürzester Frist war der Irak geschlagen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2008)