Verachtet mir die Tanten nicht!

Nicht jeder Onkel verdient den Respekt, den ihm die Familie selbstverständlich zollt.

Diese Zeitung!“, klagte einst ein Kulturredakteur der „Presse“, als ihn ein Chef vom Dienst zum Fertigwerden drängte, als er gerade über einem tief empfundenen Feuilleton mit den Worten rang. „Diese Zeitung ist ein Vampir!! Sie nimmt unser Herzblut, und sie will es in Druckerschwärze verwandeln!!!“

Dies zum Eingang, um zu zeigen, dass wir uns nicht scheuen, unser eigenes Blatt zu schimpfen, wenn's nottut. Auch wenn nun Michael Jeannée die „Presse“ in der „Kronen Zeitung“ eine „alte Tante“ nennt, tragen wir das mit Fassung. Früher, so schreibt er, hätte er sie allerdings nie „respektlos“ so genannt, sie sei vielmehr ein „beinharter bürgerlicher Onkel“ gewesen, „der eine glasklare Linie hatte“.

Man muss kein Freund des Gender Mainstreaming sein, um gegen diesen wertenden Vergleich des Onkelhaften mit dem Tantenhaften zu protestieren. Gewiss, in der von mir sehr geschätzten Zweiten Republik hat derzeit das Onkeltum Hochkonjunktur, aber das kann sich ändern. Und gerade aus den besten Familien hört man von beinharten bürgerlichen Tanten mit glasklarer Linie, die nicht einmal Tango tanzen, so solide sind sie, während der eine oder andere Onkel, nun ja, sagen wir: seine Schwächen hat und den Respekt, den die Familie ihm selbstverständlich trotzdem entgegenbringt, nicht in jeder Sekunde seines Daseins verdient.

Es könnte z.B. sein, dass der Onkel dem Nikotin verfallen ist und die Nichten und Neffen, stets darauf bedacht, was dem Onkel Freude macht, ihm Zeitung, Pfeife, Fidibus bringen, während sich die Tante jedes Laster versagt und nicht einmal die eigenen Krautfleckerln kostet.

So hat auch Friedrich Torberg seine wunderbare abendländische Anekdotensammlung „Die Tante Jolesch“ genannt und nicht „Der Onkel Jolesch“. Dieser war nämlich, wie Torberg schreibt, „eine Art Prinzgemahl“ und ein „Gigerl“, der in seiner Kleidung bis ins hohe Alter der Mode folgte. Was wohl auch ein Motiv für das meistzitierte Diktum der Tante Jolesch war: „Was ein Mann schöner is' wie ein Aff', is' ein Luxus.“


Was stimmen mag, aber nicht gegen die (diesfalls männliche) Schönheit spricht. Im darwinistischen Sinn ist das Rad des Pfauen genauso ein – über die Notwendigkeiten des Überlebens hinausgehender – Luxus wie eine Klaviersonate, ein geistreicher Witz wie ein Hirschgeweih. Dennoch – vielmehr: genau deshalb – verfehlen sie 1) nicht ihre Wirkung beim anderen Geschlecht und machen 2) unser aller Leben reicher, interessanter, schöner.

Bei aller Bescheidenheit: Das gilt sogar für diese Zeitung. Was mehr in ihr steht als in der U-Bahn-Illustrierten, ist Luxus, gewiss – aber es sind nicht die schlechtesten Nichten und Neffen, die das zu schätzen wissen, an diesem zur Druckerschwärze geronnenen Herzblut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2008)

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