Der Fund der ältesten Schildkröte kann zwar den Streit über die Entstehung des Panzers entscheiden, nicht aber den über die ursprüngliche Lebensweise. Die bisher ältesten Funde stammen aus Deutschland.
In vielen Mythen trägt die Schildkröte die Erde oder den Himmel, bei den Cheyenne wie im Hinduismus, es liegt an ihrer Langlebigkeit und der Stärke des Panzers und der Muskeln. Nur manchmal wird ihr die Last zu schwer, dann muss sie sich kurz strecken, dann bebt die Erde, so stellten die Mohawk sich das vor. Aber wo kommen sie selbst her, die seltsamen Geschöpfe, die Reptilien sind und doch Schnäbel aus Horn haben und eine ganz eigene Atemtechnik entwickeln mussten, weil bei anderen Vierfüßlern die Rippen flexibel sitzen, auf dass der Brustkasten sich erweitere und verenge, sie aber eingesperrt sind in ihrem Panzer, den außer ihnen niemand hat?
Die bisher ältesten Funde – 206 Mio. Jahre – stammen aus Deutschland, diese Ahnen hatten schon rundum ihre Panzerschale, aber noch Zähne im Maul. Aufgrund ihres Knochenbaus rechnete man sie den Pareiasauriern zu, das waren Parareptilien mit stark bewehrter Haut. Zudem deuteten die kurzen Zehen dieser Funde darauf hin, dass die frühen Schildkröten am Land lebten.
Aber sie konnten nicht klären, wie beziehungsweise woraus der Panzer entstanden war, es gab zwei konkurrierende Hypothesen: Die eine ging davon aus, dass der Panzer ein Auswuchs der Knochen ist, der Rippen und des Rückgrats; die andere sah eine Analogie zu Krokodilen, die sich mit verknöcherten Hautplatten schützen. Aber das passt nicht zur Embryonalentwicklung: Heutige Schildkröten lassen ihre Panzer aus den Rippen und dem Rückgrat wachsen.
Und die frühen Schildkröten? Die alten deutschen deuteten eher auf Verknöcherungen der Haut hin. Aber nun ist eine noch ältere da, sie lebte vor 220 Millionen Jahren in China, ihre Ausgräber um Lun Chi (Peking) nannten sie Odontochyles semitestaceae, die Gezähnte mit der Halbschale. Auch sie hat also Spuren von Zähnen, aber das wirklich Spannende steckt im Rest ihres Namens: Die Panzer heutiger Schildkröten bestehen aus einer oberen Hälfte („Carapace“) und einer unteren („Plastron“), in der Mitte vereinen sie sich. Doch die älteste aller Schildkröten hatte nur ein Plastron, und das ist offenbar aus Wirbelknochen gewachsen und nicht aus verknöcherter Haut.
Zudem sehen die Forscher im Schutz der unteren Körperseite einen Hinweis darauf, dass diese Tiere im Wasser lebten: Landtiere mit kurzen Beinen brauchen keinen Schutz am Bauch, sie müssen den Rücken panzern. Aber im Wasser können Angriffe von unten kommen (Nature, 456, S.497). Ein Begleitkommentar vermutet ebenfalls eine aquatische Lebensweise, begründet es aber anders: Vermutlich sei früher auch ein Rückenpanzer da gewesen, aber er habe sich zurückgebildet.
Erst aquatisch oder terrestrisch?
Beiden allerdings widerspricht ein Fund, der in der Vorwoche publiziert wurde. Diesmal geht es um Schildkröten, die vor 164 Millionen Jahren auf der schottischen Insel Skye lebten (die lag damals weit im Süden). Eine Gruppe um Jeremy Anquetin (London) hat sie gefunden und auch ihr einen schönen Namen gegeben: Eilanchelys waldmani, es kommt aus dem Gälischen und bezeichnet die Schildkröte von den Inseln“ (mit „waldmani“ wird ein verstorbener Forscher geehrt). „Eilanchelys ist vermutlich die erste aquatische Schildkröte“, erklärt Anquetin, er schließt es aus dem Körperbau und aus anderen Funden in der gleichen Schicht: allesamt Fische. Demnach waren alle früheren Schildkröten – auch Odontochyles – Landtiere (Proceedings B, 10.1098).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2008)