Pop

"Tv On The Radio": Weiß wie Ruß, schwarz wie Schnee

Tv On The Radio
Tv On The Radio(c) edel records (Michael Lavine)
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Diese New Yorker Band macht bewusst, dass Pop noch immer nach Hautfarbe kategorisiert wird. Einfach indem sie spielt, wie sie spielt. Live noch wilder.

Die Musik der Zukunft hat keine Hautfarbe“: Diese Schlagzeile wählte das renommierte deutsche Musikmagazin „Spex“ für seine Titelgeschichte über die New Yorker Band TV on the Radio. Klingt wie ein ziemlich trivialer „Heilt die Welt“-Slogan aus der Pastellzone zwischen Benetton und Michael Jackson. Und dann liest man im Heftinneren noch den Titel „Die Band ohne Hautfarbe“! Alles nur, weil vier der fünf Musiker dunklere Haut haben als der durchschnittliche WASP („White Anglo-Saxon Protestant“) – oder „Caucasian“, wie's die Genetiker ausdrücken – und dennoch eine Musik spielen, die Kenner unter „Independent“ und/oder „Alternative“ einreihen – ja, ist denn das nicht längst komplett egal?

Das Klischee: Hier Verstand, dort Gefühl

Nein. Schaut nicht so aus. Die (durchlässigen, aber deutlich markierten) Grenzen zwischen „schwarzen“ und „weißen“ Formen der Populärmusik haben sich seit den Fünfzigerjahren kaum verändert. Mehr noch: Die große Zeit des Rock'n'Roll, zwischen 1956 und 1959, war wahrscheinlich die Pop-Ära, in der – trotz der damals viel schärferen Diskriminierung – die „Farben“ ästhetisch am wenigsten zählten. Dass Little Richard und Chuck Berry „schwarz“, aber Jerry Lee Lewis und Elvis Presley „weiß“ waren, war weniger hörbar als z.B. der Unterschied zwischen Mick Jagger und Roy Orbison ein Jahrzehnt später. Und wieder zwei Jahrzehnte später wusste Michael Jackson sehr genau, dass es nicht stimmte, als er sang: „It doesn't matter if you're black or white.“

Heute sind skurrilerweise im „Alternative“-Sektor die Vorstellungen von „schwarzer“ und „weißer“ Musik viel konservativer und strikter als im Mainstream. Sie folgen im Grunde dem alten rassistischen Schema: hier die kopflastigen Europäer, dort die gefühls- und körperbetonten Afrikaner. Das Klischee wird nicht akzeptabler, wenn man den „Schwarzen“ gönnerhaft ein besonderes Rhythmusgefühl („Rhythmus im Blut“) zuschreibt und den „Weißen“ ein organisches Defizit in Sachen Groove, Funk und Soul. Bis heute meinen viele, wenn sie z.B. von „weißem“ Funk sprechen, eine komplizierte, „intellektuellere“, aber weniger geschmeidige, ungemütlichere Spielart. Und die klassischen untanzbaren Genres von Punk bis Grunge, von New Wave bis „Indie“ sind „weiß“, in der Idee – und auch tatsächlich. Wer das nicht glaubt, soll bitte schnell eine „schwarze“ Punkband nennen.

Diese Vorstellungen im Kopf haben die Rezeption von TV on the Radio so spannend gemacht. Denn diese Band macht genau das mit „schwarzen“ Musikformen, was üblicherweise als „weißer“ Zugang beschrieben wird: Sie neurotisieren, zerlegen, intellektualisieren, dekonstruieren und rekonstruieren den Groove. Ihre Idee von Funk erinnert – damit sich die ältere Generation etwas vorstellen kann – an die „Remain in Light“-Phase der Talking Heads und an den David Bowie von „Young Americans“. Gar nicht gemütlich. Kühl, ziemlich kühl. Wobei sie auf dem meisterlichen dritten Album, „Dear Science“, das Eis ein wenig geschmolzen haben, für eine – wenn auch nervöse – Hymne auf das „Golden Age“ etwa oder für „Lovers Day“, ein grandioses Bild männlichen Begehrens in Form eines atemlosen Versprechens, bis dem Begehrenden die Worte ausgehen und er nur noch „I'm gonna take you home“ wiederholt.

Live-Verwandlung in Punk

Diese und (fast) alle anderen Stücke sind höchst originell arrangiert – in Konfrontationen: Beat gegen Rhythmus, Klang gegen Geräusch –, und dabei so klug und zwingend, dass man es sich nach ein paar Mal Hören gar nicht anders vorstellen mag.

Live, in der dichtest gefüllten Wiener Arena, stellten sie die Songs aber ganz anders vor: kürzer, knapper, roher. Improvisiert, teils zerrissen. Mit einem von Sänger Tunde Adebimpe heftig geschüttelten Tamburin, mit Gitarren, die so vehement lärmten, dass alles klirrte – und vibrierte, das natürlich auch. Die auf Platte so anmutigen Falsettgesänge irrlichterten wie verloren in all diesem Drängen. Mitunter stürzten sie ab: in „Red Dress“ etwa, das klang wie ein Rhythm'n'Blues, der sich soeben in Punk verwandelt. Katastrophisch. Wunderbar.

Auch das kann passieren bei TV on the Radio. Ein abgedroschener Schlusssatz sei erlaubt, hier ist er wörtlich gemeint: Von dieser Band wird man noch viel Spannendes hören.

TV ON THE RADIO

Gegründet 2001 in New York. Ihr erstes reguläres Album („Desperate Youth, Blood Thirsty Babes“, 2004) gefiel David Bowie so gut, dass er auf dem zweiten („Return to Cookie Mountain“, 2006) im Chor mitsang. Drittes Album: „Dear Science“ (2008).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2008)

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