Ski nordisch: Der Traum vom Dach überm Kopf

(c) GEPA (Alex Domanski)
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Ist Skispringen in der Halle tatsächlich nur Fiktion? Pläne und Gespräche über ein 30-Millionen-Euro-Projekt in Ylitornio begleiten den Weltcup-Auftakt in Finnland.

Finnen trinken sehr gerne Bier. Sie lieben Tango, Sauna und schnelles Eishockey. Rallye-Fahrer sind tatsächlich Nationalhelden, F1-Weltmeister natürlich auch, erfolgreiche Skispringer ebenso. Jedes Kind kennt Matti Nykänen, Janne Ahonen oder Kalle Palander. Mit ihnen leidet die Nation, mit ihnen hebt das Selbstwertgefühl umso schneller ab. Nicht nur deshalb ist Finnland seit vielen Jahren bemüht, den FIS-Weltcup – sei es im Ski Alpin (Levi) oder im Ski Nordisch (Ruka) – zu veranstalten. Böser Spielverderber ist aber oft das Winterwetter, welches heimtückisch sein kann in Lappland. Stürme, arktische Temperaturen und eisiger Wind kennen eben kein Pardon. Darunter hat mitunter das „Nordic Opening“ zu leiden, das an diesem Wochenende in Ruka nahe Kuusamo stattfindet. Aber Erneuerungen und ein verrückt klingendes Hallenprojekt liefern Gesprächsstoff.

Für Innovationen ist der sportliche Finne allseits bekannt. Er erfand schließlich das Handyweitwerfen oder die Luftgitarren-WM, nur das Hustenzuckerl gehört weiterhin den Schweizern. Obgleich den Skiverband der leidige Dopingskandal von 2001, ein heuer um 500.000 Euro verringertes Budget (Sponsoren wie Finnair sprangen ab), Austritte der Alpin- und Freestyle-Fraktion und neun Entlassungen (darunter Sportdirektor und Trainer) plagen, werden Pläne vorangetrieben, um krisensichere Schauplätze zu schaffen. Im nordfinnischen Ylitornio liegen Pläne für ein Hallenspringen vor, das kuriose Projekt beinhaltet eine Skiflug- und eine Großschanze. Die spinnen, die Finnen.

Durch Tunnel in die Halle

Wie soll das funktionieren? Der oberste Teil der Anlaufspur soll in einem Tunnel beginnen, der aus dem Avasaksa-Berg (!) herausragt. Der Athlet würde somit aus dem Berg in eine überdachte Spur fahren und in die Halle springen, der Vorteil: Man wäre vor dem finnischen Winter oder globaler Erwärmung geschützt. Auch für Loipenrennen gebe es genügend Platz – vor großen Tribünen und VIP-Logen. Das hat aber seinen Preis: 30 Millionen Euro. Für Experten wie Mika Kojonkoski, einst ÖSV-Cheftrainer, wäre es die Sache wert. „Es würde dem Sport sicher helfen.“

FIS-Direktor Walter Hofer hielt sich darüber bedeckt, er rechnet lieber mit Ereignissen der Gegenwart oder neuen Märkten in Ost-Anatolien, Russland und China als mit Fiktionen im Land des Weihnachtsmannes. Aber es wird verhandelt und gepokert im hohen Norden. Vielleicht startet der Weltcup ab 2011 in einer Halle. Unglaublich, aber wahr.

Alles neu in der Kombination

Das „Nordic Opening“ soll als Event und Aushängeschild dienen, sowohl für Finnland als auch die Nordische Familie, die sich im TV-Rampenlicht ihren Sponsoren und Fans präsentieren will. Dafür hat Hofer auch alles unternommen, ihm liegen „Attraktivität und Spannung“ der Bewerbe besonders am Herzen. Das Skispringen hat er bereits erfolgreich und TV-gerecht umgekrempelt und dem Zuschauer gefällt es, sagt der Österreicher, „vor allem, weil er sich auskennt. Es gibt zwei Bewerbe und derjenige, der am weitesten springt und die besten Noten erhält, gewinnt.“

Nachdem die Kombinierer mit verschiedenen Bewerben (Sprint, Massenstart, Gundersen, Team) und komplizierten Zeitrechnereien ins Hintertreffen gelangten, wurde Hofer beauftragt, Veränderungen des mangelhaften Marketingauftritts einzuleiten. Daher gibt es nun nur noch Bewerbe mit einem Sprung und einem 10-km-Rennen, „damit sollte auch jeder wissen“, so Hofer, „bei welcher Sportart er ist. Es wird spannender und übersichtlicher. Und: Es dauert nicht mehr so lange, wir sind zeitlich flexibler geworden.“

Damit könnte auch der Finanzkrise vorgebeugt werden – die FIS spürt laut Hofer davon noch nichts, weil Verträge mit Agenturen wie Infront, Sport5 oder APF bestehen –, dennoch bedarf es im Wintersport bereits gewisser Vorsicht. Für den Skisprung-Weltcup etwa gibt es bislang nach dem Ende des Ruhrgas-Engagements noch keinen Hauptsponsor.
Samstag: Skispringen (15 h, ORF1).
Sonntag: Kombination (14.25, ORF1).

AUF EINEN BLICK

Skispringen in der Halle kannin Finnland durchaus Wirklichkeit werden. Pläne über eine Halle, die in den Avasaksa-Berg bei Ylitornio (eine Flugstunde von Helsinki entfernt) gebaut werden soll, liegen seit 2007 vor. Das Projekt umfasst eine Flug- und eine Großschanze. Kosten: 30 Millionen €. Der Bau hat noch nicht begonnen.

www.ylitornio.fi

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2008)

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