Das Morgengrauen in Erdberg habe ich am Freitag lesend auf der bitterkalten Feuilleton-Terrasse verbracht, mit Online-Reaktionen auf die Krise des Österreichischen Rundfunks.
Das war ein Fehler. Der ORF wird sehr persönlich genommen, solche Tiraden hört man sonst nur in Extremsituationen, bei Scheidungen oder an der Meinl-Kassa. Super findet den Alex kaum noch einer.
Nachdenklich kehrte ich in mein Büro zurück und drehte das heimische Frühstückswetter auf ORF2 auf. In der Stunde der Not, dachte ich mir, mache ich es wie einst John F. Kennedy, als er die Amerikaner auf den Mond bringen wollte: Frage nicht, was der ORF für dich tut, sondern frage, was du für den ORF tun kannst. Raunz' nicht, schau! Für die Quote.
Das war gar nicht so einfach: „Servus Kasperl“ oder „Frisch gekocht“? Die „Gilmore Girls“ oder die Wiederholung der „Gilmore Girls“ oder gar noch einmal, weil es 1970 so schön war, „Bezaubernde Jeannie“?
Ich bin bei der „B. Karlich Show“ hängen geblieben, weil mich nach so viel Soap nach etwas handfest Intellektuellem verlangte: „Frauen können nicht treu sein“, lockte mich Frau Barbara. Sind deshalb die Werte für Alex im Keller? Schauen jetzt sogar schon verdiente Mitarbeiterinnen, die einst Gerd Bacher die ewige Treue geschworen haben, heimlich, weil das der eingeschlafenen Beziehung den Kick gibt, „Tatort“ bei ARD?
Die Sanierung des Tatorts ORF benötigt mehr als nur Kosmetik. Deshalb rufe ich alle Wahlverwandten, die mit mir Ö1 und FM4 retten wollen, zur konzertierten Aktion auf. Stellen wir die Anstalt unter Beobachtung. Rufen Sie ihren Kundenservice an, wenn Sie glauben, dass ab 17 Uhr zu viele Politiker mit monotonen Verlautbarungen im Zentrum stehen. Schreien Sie um Hilfe, wenn Ihr Landeshauptmann segnend aus der Regionalglotze grinst.
Die drehen Ihnen sonst nämlich bald die schönsten Hörspiele ab.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2008)