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Hässliches Niederösterreich

Zeige mir, wie du baust, und ich sage dir, wie du bist.

Zweimal Österreich. Der Unterschied könnte gewaltiger nicht sein. Einmal – Niederösterreich: Was und wie in den letzten Jahrzehnten hier gebaut wurde, ist in seiner Gesamtheit ein Desaster. Auf gut Österreichisch: Es ist einfach schiach.

Besonders verheerend ist das, was die Wohnbaugesellschaften an die Ränder der Orte geklotzt haben. Architektonisch belanglose Kisten, ohne jeglichen Bezug zur Landschaft, der Außenraum heißt Parkplatz; während im gesamten Ortsgebiet mit Ausnahme der Kirche und des Raiffeisen-Lagerhauses alles ein- oder zweigeschoßig ist, stehen viergeschoßige Solitäre am Rand, die nur eines zeigen: Hier hatte der vorherige Grundbesitzer gute Kontakte zum Bürgermeister und wollte möglichst viel Geld herausschlagen.

Die Hintergründe? So baut ein feudales, völlig geschlossenes Proporzsystem. Es ist grotesk: Im VP-beherrschten Niederösterreich können nur „Genossenschaften“, säuberlich Schwarz und Rot zugeordnet, die „große“ Wohnbauförderung beantragen. Kein privater Bauträger, der als Konkurrent Qualität ins System bringen könnte, ist zugelassen.

Die Gestaltungsbeiräte sind weitgehend zahnlos, eine kritische mediale Öffentlichkeit ist im schwarzen Niederösterreich sowieso ein Fremdwort, Architektur oder gar Raumordnungsfragen werden kaum öffentlich diskutiert. Sauber ausgeschriebene qualitätssichernde Wettbewerbe findet man nur mit der Lupe. Das niederschmetternde Ergebnis ist die niederösterreichische Baukultur.

Ganz anders Vorarlberg, wie bekannt auch von der ÖVP regiert: Nicht nur die Wohnbaugenossenschaften, auch die Gemeinden verwenden Wettbewerbe nicht als Ausnahme, sondern im Regelfall. Die Breite qualitätsvollen Bauens ist beeindruckend, ebenso wie eine kritische Berichterstattung darüber.

Der wesentliche Unterschied zwischen Niederösterreich und Vorarlberg: Zweiteres ist in viel geringerem Ausmaß ein Obrigkeitsstaat. Nicht nur das Wohnbausystem ist offener. Das hat viele Vorteile. Nicht der geringste: Das Gebaute ist nicht potthässlich.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2008)