Die Chefin des ÖBB-Personenverkehrs, Gabriele Lutter, ist überzeugt, dass die Kunden mit der Leistung der Bahn zufrieden sind. Nur bei der Information über Verspätungen gebe es Handlungsbedarf.
Die Presse: Vor Kurzem ist eine interne Anweisung der ÖBB bekannt geworden, wonach Beschädigungen in den Zügen nur noch dann repariert werden, wenn die Sicherheit gefährdet ist. Erhöht man so die Kundenzufriedenheit?
Gabriele Lutter: Das stimmt so nicht. Für uns hat die Sicherheit natürlich die höchste Priorität. Aber auch Heizungen, Klimaanlagen und Lautsprecher sind uns sehr wichtig und werden sofort repariert. Bisher wurden aber beispielsweise bei einem Vierersitz alle vier Sitze neu bezogen, sobald einer einen Fleck oder Riss hatte – nur damit sie farblich zusammenpassen. Künftig soll aus Sparsamkeitsgründen nur noch der betreffende Sitz erneuert werden.
In dieser Anweisung – die uns vorliegt – steht jedoch, dass beispielsweise kaputte Türen nur dann repariert werden sollen, wenn es sonst zu wenig Notausgänge gibt.
Lutter: Das wurde nie und wird auch in Zukunft nicht so gehandhabt.
Einsparungen sind natürlich löblich. Dennoch sorgt gerade die mangelnde Qualität der Waggons für viel Kritik Ihrer Kunden. Die ÖBB-Waggons sind im Schnitt deutlich über 20 Jahre – einige sogar fast 40 Jahre – alt. Wie soll das geändert werden?
Lutter: Ich glaube, dass im Nahverkehr in den letzten Jahren bereits viel passiert ist. Wir haben inzwischen einen Fuhrpark von etwa 240 modernen Komplettzuggarnituren und rund 900 neuen Einzelwaggons. Nur noch etwa 200 alte Waggons sind im Nahverkehr im Einsatz, diese werden sukzessive ausgemustert. Und im Fernverkehr wird mit dem neuen Railjet – von dem 67 Komplettzuggarnituren bis 2014 für rund 810 Mio. Euro gekauft werden – eine deutliche Verbesserung kommen. 800 alte Fernverkehrswagen wurden zudem bereits modernisiert. (Insgesamt haben die ÖBB rund 3000 Waggons und knapp 500 Komplettzuggarnituren, Anm.)
Das heißt, die ÖBB werden künftig moderneres Material als beispielsweise die Schweizer Bundesbahnen haben? Dort liegt das Durchschnittsalter bei zwölf Jahren.
Lutter: Im Nahverkehr sind wir jetzt schon deutlich unter diesem Alter. Insgesamt werden wir weit drunterkommen.
Wenn nun das Material im Nahverkehr bereits so stark verjüngt ist – warum gibt es immer noch so viele Beschwerden von Pendlern? Haben die ÖBB ein Imageproblem?
Lutter: Ich glaube nicht, dass die ÖBB ein Imageproblem haben. Wir haben in letzter Zeit sehr viel an unserem Image gearbeitet. Und ich glaube, es ist auch gelungen, dass das Image der Bahn inzwischen schon sehr gut ist und unsere Kunden mit unseren Leistungen zufrieden sind. Handlungsbedarf gibt es sicherlich noch in der Kundeninformation – beispielsweise über Verspätungen. Grundsätzlich ist es aber so, dass für Leute, die bisher mit dem Auto gefahren sind, der Umstieg auf den öffentlichen Verkehr immer ein Lernprozess ist. Denn beim Auto ist man noch in seinem privaten Raum, bei den öffentlichen Verkehrsmitteln verlässt man diesen bereits an der Haustür.
Ein anderes Thema, in das die ÖBB viel Geld investieren, sind die Strecken. Wo sehen Sie einen Ausbaubedarf für den Personenverkehr?
Lutter: Für uns ist natürlich der durchgehend viergleisige Ausbau der Westbahn ganz wichtig. Aber auch die Südbahn mit Semmering- und Koralmtunnel hat für uns große Bedeutung. Entscheidend ist aber auch die Verbesserung der Qualität des bestehenden Netzes. So müssen Langsamfahrstellen beseitigt werden, da diese oft Grund für Verspätungen sein können.
Sie haben gerade auch den Koralmtunnel genannt. Hat dieser wirklich Sinn?
Lutter: Wir gewinnen dadurch natürlich Fahrzeiten auf der Südbahn – zwischen Villach und Graz beziehungsweise Wien. Und auch der Nahverkehr wird attraktiver.
Es gibt aber gerade beim Koralmtunnel sehr viele Kritiker, die von nur wenigen Zügen pro Tag und einem Milliardengrab sprechen.
Lutter: Ich glaube, dass der Ausbau der Südbahn ganz wichtig ist. Bislang muss man von Graz nach Norden fahren, um nach Klagenfurt zu kommen. Eine direkte Verbindung würde hier deutliche Verbesserungen bringen. Wir könnten somit auch mehr Leute auf die Schiene bringen.
Entscheidend ist, ob der Bedarf die Investitionen von fünf Mrd. Euro rechtfertigt.
Lutter: Alle Infrastrukturprojekte sind teuer. Und über lange Jahre wurde sehr wenig in die Bahn investiert. Daher ist jetzt ein riesiger Aufholbedarf vorhanden. Und es ist wirklich notwendig, dass hier endlich etwas passiert.
Ebenfalls für Aufregung sorgt der Ersatz von unrentablen Nebenbahnen durch Buslinien. Wie geht es da nun weiter?
Lutter: Es ist das gute Recht von Gemeinden, dass sie ihren Zug erhalten wollen. Es gibt aber einfach Strecken, wo der Bus wirtschaftlich sinnvoller ist und auch für eine bessere Anbindung sorgen kann, weil er beispielsweise vor den Schulen halten kann. Das seit Längerem bestehende Konzept wird derzeit mit dem Land Niederösterreich besprochen. Dort gibt es ja auch die meisten Nebenbahnen. Einen konkreten Zeitplan, wann es zu einem Ergebnis kommen könnte, gibt es aber nicht.
Grundsätzlich war das Jahr für die Bahn angesichts des hohen Ölpreises ja nicht schlecht...
Lutter: Ja. Wir hatten beim Nahverkehr Fahrgaststeigerungen von zwölf Prozent und im Fernverkehr von sieben Prozent. Die Züge sind sozusagen voll.
Das Geschäft läuft also gut. Wenn man in die Bilanz schaut, sieht man aber, dass nur 32 Prozent des Umsatzes am Markt erwirtschaftet werden. Der Rest sind neben internen Umsätzen vor allem gemeinwirtschaftliche Leistungen, für die der Staat zahlt. Muss der Personenverkehr so stark subventioniert werden?
Lutter: Wir haben sicherlich sehr attraktive Preise, wenn man mit der Schweiz oder Deutschland vergleicht. Und es ist natürlich richtig, dass der Bund und die Länder dafür zahlen. So zahlt die öffentliche Hand im Nahverkehr etwa 70 Prozent der echten Kosten, der Kunde nur die restlichen 30 Prozent. Diese attraktiven Preise sorgen aber sicherlich dafür, dass viele Menschen vom Auto auf die Bahn umsteigen, und daher ist es sinnvoll.
Trotzdem gibt es die Kritik, dass die Preise zu hoch sind.
Lutter: Das sind sie aber nicht. Wir wissen, dass es in anderen Ländern wesentlich teurer ist. Zudem gibt es immer wieder Aktionen mit besonders günstigen Preisen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2008)