Ein Lied und sonst nicht viel

Die „Kaiserlied“-Ausstellung der Nationalbibliothek markiert nebst ersten Bucherscheinungen den Beginn der Veranstaltungen zum kommenden Haydn-Jahr.

Doch der Schein trügt. Ankündigungen kommender Ereignisse machen zum Teile eher Angst und Bange als dass sie darauf schließen ließen, man werde zum 200. Todestag endlich mit einer profunden Aufarbeitung des reichen Erbes beginnen, das dieser Komponist hinterlassen hat.

Von Haydn haben die meisten Musiker und noch weniger die Veranstalter viel Ahnung. Wer zum Jahr 2009 seinem Impresario ein Programm mit Werken dieses Komponisten vorschlägt, hört in der Regel ein: „Bloß nicht, Haydn können wir nicht verkaufen“. Schlechter jedenfalls als ein Perücken-Orchester, das für Touristen Mozart-Fragmente zum Besten gibt.

Vor einem Gegenbild zur haltlosen Mozart-Flut der Jahre 1991 und 2006 sind wir also gefeit. Von einigen Konzerten im prominenten Umfeld abgesehen, bleibt die Musik des Meisters eine Angelegenheit für kleine Säle. Dass aus der Schatztruhe des Haydn-?uvres mehr hervorgezaubert werden könnte als die wenigen, immer gleichen Stücke, die seit Jahr und Tag als Feigenblätter vor die Blöße der schieren Unkenntnis gehalten werden, dürfte Wunschtraum bleiben.

Wie viele von über 100 Symphonien – wer sie auf CD nachhört, weiß, dass eine origineller ist als die andere – werden zumindest 2009 ins „große Repertoire“ vordringen? Wie viele der Dutzenden von Streichquartetten? Wird man von den Kammermusik-Stücken in ungewöhnlichsten Besetzungen mehr als nur ein paar Alibi-Stücke zu hören bekommen? Und vor allem: anderswo als bei rührigen Kleinveranstaltern?

Zwischen burgenländischen Feuerwerks-Spektakeln und der Salzburger Festspiel-Wiederaufnahme einer Erfolgsproduktion von 2007 wird man es im Übrigen doch wieder bei unzähligen „Schöpfungen“ belassen. Darauf dürfen Wetten abgeschlossen werden: Haydn bleibt, Gedenkjahr hin oder her, der große Unbekannte.


wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2008)

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