Physische Sauberkeit ist eng mit moralischer Reinheit verbunden.
„Vor dem Volk“ wäscht sich Pilatus die Hände, bevor er beteuert: „Ich bin unschuldig an seinem Blut!“ Lady Macbeth versucht es immerhin: Doch all ihr Händewaschen kann die Wahnvorstellung eines Blutflecks nicht vertreiben.
Physische Sauberkeit und moralische Untadeligkeit sind in unserer Vorstellung eng verbunden, das bezeugen die rituellen Waschungen in vielen Religionen. In psychologischen Experimenten wurde belegt: Konfrontation mit unmoralischen Handlungen erhöht das Bedürfnis nach körperlicher Reinigung. Umgekehrt empfinden Personen, die sich soeben die Hände gewaschen haben – oder auch nur Wörter im Kopf gehabt haben, die mit Waschen, Seife etc. zu tun haben –, weniger Reue und Schuld. Sie sind zu sich selbst weniger streng.
Auch zu anderen. Das zeigt eine neue Arbeit von Psychologen der University of Plymouth in Psychological Science (12/08). Die Versuchspersonen sollten moralisch und/oder mit Ekel aufgeladene Situationen bewerten: a) das Verzehren eines Hundes; b) das Umlegen einer Weiche, sodass die Eisenbahn einen Menschen statt fünf überfährt; c) das Behalten von Geld aus einer gefundenen Brieftasche; d) das Töten eines todkranken Überlebenden eines Flugzeugabsturzes, um sein Fleisch zu essen und nicht zu verhungern; e) das Fälschen von Daten, f) den Missbrauch eines Kätzchens, um sich sexuell zu erregen.
„Reinheit ist mehr als eine Metapher“
Vor dieser Bewertungsaufgabe wurden die Personen unterschiedlich vorbereitet: in einem Experiment durch eine Aufgabe, in der sie Sätze mit Wörtern ergänzen mussten, die mit Waschen, Sauberkeit etc. zu tun haben; im anderen durch das Vorführen einer grauslichen Filmszene (aus „Trainspotting“) und die Aufforderung, sich danach die Hände zu waschen. (Die Vergleichsgruppe bekam neutrale Wörter serviert bzw. musste sich nicht die Hände waschen.)
Ergebnis: Sowohl Händewaschen als auch Befassung mit einschlägigen Wörtern bewirkte, dass die moralischen Urteile milder ausfallen, und zwar in allen sechs Situationen. „Im moralischen Zusammenhang“, schreiben die Forscher, „ist Reinheit nicht nur eine Metapher.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2008)