Schlaues Spielzeug: Wetter machen können nicht nur die Indianer

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Mit dem Experimentier-Kasten zum Thema Klimawandel werden Kinder bald mehr wissen als ihre Eltern.

Wien. Karl-May-Leser kennen sich da aus: Menschen können Wetter machen. Das gilt nicht nur für Indianer mit ihren magischen Ritualen, sondern auch für den meteorologisch versierten Old Shatterhand. Des Wilden Westens Wunderwuzzi zündet in „Unter Geiern“ riesige Kaktusfelder in der Steppe an. Sein Kalkül: Kakteen können große Mengen Wasser speichern, das bei einem Brand verdunstet und so die Luftfeuchtigkeit drastisch erhöht. Schließlich kommt es zum Gewitter, und die dürstenden und darbenden Auswanderer, um die es in der Erzählung geht, sind gerettet.

Ein paar Nummern kleiner gibt es der Kosmos-Kasten „Klimawandel: Experimente in der Modell-Atmosphäre“. Doch immerhin: Wolken machen, Luft zum Steigen bringen und Meerwasser strömen lassen können Kinder und neugierige Eltern damit zumindest in den eigenen vier Wänden. In 23 Experimenten wird veranschaulicht, wie das so ist mit den Jahreszeiten, dem Wasserkreislauf, der Thermik und dem Golfstrom – und dann, ziemlich am Ende, auch mit der globalen Erwärmung und ihrer Auswirkung auf das Ökosystem.

Eine Mogelpackung,...

Dass der Experimentierkasten deshalb streng genommen eine Mogelpackung ist, nennt der diplomierte Tester Klaus Stadlbacher auch als wesentlichen Kritikpunkt: „Das ist halt ein Marketingschmäh. Wenn das Ding einfach Wetterkasten hieße, würden es viel weniger Leute kaufen.“ Wenn dieser Mann vom Wetter redet, ist das nicht Alltagsgeschwätz, sondern Wissenschaft – er ist Meteorologe an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) auf der Hohen Warte in Wien.

„Nur bei zwei Experimenten geht es um den Klimawandel“, moniert Stadlbacher, und eines der beiden hält er für „eher dämlich – dass der Wasserspiegel steigt, wenn man einen Eiswürfel reinwirft und schmelzen lässt, weiß jedes Kind auch so“. Beim zweiten hat er einen fachlichen Einwand: „Da geht es darum, dass der Golfstrom abbrechen könnte. Gerade dieser Effekt gilt unter Klimaforschern als höchst ungewiss.“

...die trotzdem Spaß macht

Ansonsten ist der Fachmann mit dem Wetterkasten, wie wir ihn lieber nennen wollen, durchaus zufrieden: „Die Experimente funktionieren, alles wird vernünftig und nicht plakativ erklärt, der pädagogische Effekt ist da, und Kinder haben trotzdem Spaß.“

Doch auch für Erwachsene dürfte die kurzweilige Nachhilfe in atmosphärischer Physik, Astronomie, Meteorologie und ozeanografischen Phänomenen so manches Aha-Erlebnis bereithalten. Wissen Sie etwa, warum es im Winter kälter ist als im Sommer? Sie meinen, die Sonne sei da weiter von der Nordhalbkugel entfernt? Das glauben viele, aber es ist falsch – entscheidend ist nur der flachere Einfallswinkel der Strahlen.

Aber selbst ein Meteorologe wie Stadlbacher kann noch etwas lernen: „Manche Themen, wie die Luftzirkulation, habe ich mir durch diese Experimente das erste Mal anschaulich gemacht. Bisher kannte ich das nur von den Formeln aus meinem Studium.“

Für besonders gelungen hält Stadlbacher die Strömungsversuche, bei denen man, im dunklen Zimmer und mit Taschenlampe angeleuchtet, der schweren kalten Luft dabei zuschauen kann, wie sie als Fallwind einen improvisierten Berghang hinunterfließt.

Aber ein paar Warnungen gibt der Tester potenziellen Schenkern mit: „Die Kinder müssen Geduld, Freude am Basteln und ein prinzipielles Interesse mitbringen.“ Denn die Experimente sind nicht so spektakulär wie bei einem Chemiekasten, wo alles dampft, brodelt und seine Farbe ändert. Zudem sei das Mindestalter mit acht Jahren „etwas zu niedrig angesetzt“.

Man braucht auch eine ganze Menge an Zusatzinstrumentarium, das nicht im Kasten enthalten ist und als vorrätig vorausgesetzt wird – von der Tinte über Backpulver bis zur Thermosflasche. Der Inhalt ist eher spartanisch, das einzig teurere Teil ein Thermometer: „Aber das macht es auch wieder interessant – man sieht, dass man mit einfachen Mitteln viel machen kann.“ Und so bleibt auch der Richtpreis mit 19,90 Euro erfreulich niedrig.

Die Tricks der Hagelabwehr

Übrigens: Die Grundidee des alten Shatterhand hält der Meteorologe für richtig. „Aber die Luftfeuchtigkeit müsste bereits sehr hoch und die Verhältnisse labil sein, damit so etwas funktionieren kann.“ Mit anderen Worten: Es müsste ohnehin in Kürze zu regnen beginnen...

Die Tricks des Romanhelden haben reale Wettermacher verfeinert. In der Steiermark wurden früher Raketen mit einer Aceton-Silberjodid-Lösung abgeschossen, um das Kondensieren von Tropfen in den Wolken zu beschleunigen.

Dadurch bilden sich statt großer, gefährlicher Hagelkörner nur harmlose kleine – oder überhaupt nur Regentropfen. Die findigen Bauern bekamen es aber mit ihren Kollegen in Nachbardörfern zu tun, die glaubten, der Hagel werde so auf sie abgelenkt.

„Das ist natürlich Unsinn“, lächelt Stadlbacher. Heute werden Hagelflieger eingesetzt, die Wolken in der Höhe mit Kondensationskeimen „impfen“. In Peking wurde eine ähnliche Methode angewandt, um das Abregnen zu beschleunigen und die Olympischen Spiele trockenzuhalten.

Ob das etwas bringt, ist umstritten. Da ist die Kausalkette, die der Kasten von Kosmos in Gang setzen soll, weit weniger spekulativ: kaufen, probieren, verstehen und vor allem einen Gesinnungswandel einleiten. Denn früh übe sich, wer später einmal den Klimawandel aufhalten soll.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2008)

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