Kindertheater: Pinocchio als Peer Gynt

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Das Schauspielhaus versucht sich an einem Kinderstück und wirkt dabei weniger originell als sonst.

Ungewohnte Stimmung im Wiener Schauspielhaus: Wuselnde Kinder, Polster in den ersten Reihen, verliebte Eltern. Für Kids ab 6 Jahren spielt man „Pinocchio“ nach Carlo Collodi (1826–1890). Die Geschichte von der Holzpuppe, die ein richtiger Junge werden will, ist ein Klassiker, oft verfilmt, gelegentlich auch neu gedeutet. In diesen emanzipatorischen Zeiten, wo Eltern eher von den „coolen“ Aktionen ihrer Kinder überrollt werden, als dass sie diese beeinflussen können, wirkt die Story bemüht pädagogisch. Ein guter Grund, ihr ordentlich einzuheizen. Dieser Pinocchio ist ein reisender Taugenichts und erinnert an Peer Gynt.

Kaum wurde die Marionette vom Tischler aus ihrem Holzpflock erlöst, weigert sie sich, zur Schule zu gehen, und läuft davon. Die Grille, die Pinocchio warnt, erschlägt er kaltblütig. Sie erscheint ihm später als Geist. Der Tischler versetzt sein einziges Hemd, um das Holzkind für die Schule mit Büchern und Stiften auszustatten. Das Geld aber landet beim bösen Fuchs, der Pinocchio einredet, dass er seine karge Barschaft in ein Feld pflanzen soll, um sie zu vervielfachen. Ähnliches haben in letzter Zeit auch Erwachsene versucht. Pinocchios Frage an den Fuchs, ob das tolle Geschäft, das er ihm anbietet, mit der Börse zu tun hat, verpufft allerdings bei den Kids. Pinocchio tafelt mit dem Fuchs und wacht betrunken auf. Die üppige Rechnung muss er auch noch bezahlen. Allmählich kommen ihm ernste Zweifel, ob es eine gute Idee war, Geppetto zu verlassen – umso mehr, als die Fee, die ihn nun aufnimmt, eine wesentlich strengere Erzieherin zu sein scheint als der Tischler. Pinocchio beschließt heimzukehren, doch seinen „Vater“ findet er nicht mehr vor. Der ist im Meer ertrunken. Die Geschichte vom großen Fisch, der den Jungen nun verschlingt – Symbol für Depression? –, ist der berühmteste Teil von „Pinocchio“. Hier öffnet sich die Tür, die oberhalb des Bühnenbodens ist, man sieht den Rachen eines Hais. Die Kinder wirken anfangs zurückhaltend. Mit der Zeit versuchen sie immer lebhafter, den Helden auf den richtigen Weg zurückzubefördern. Dabei argumentierten sie bei der Premiere Sonntagabend konservativ: Pinocchio sollte nach Hause gehen, lernen, sein Geld sparen ...

Lautstarke Übertreibung

Eike Hannemann, die an namhaften deutschen Schauspielhäusern tätig war, zeichnet für Text und Regie verantwortlich. Max Mayer spielt Pinocchio, Marion Reiser alle anderen Rollen. Die Requisiten sind bescheiden: Holz und Hacke für die Werkstatt, ein Leintuch, ein Tapezierertisch. Bis auf das Haimaul ist die Bebilderung nicht besonders originell. Aus irgendeinem sonderbaren Grund ist es im Kindertheater üblich, lautstark zu übertreiben, was vor allem Mayer reichlich tun muss. Vielleicht glauben ja manche, dass Kinder dümmer als Erwachsene sind und man ihnen alles mit Bedeutung vorsagen und demonstrieren muss. Bei den heutigen schnellen Fernsehkids wirkt das eher deplatziert. Trotzdem: netter Versuch. (4., 7., 11. 12. ? 317 01 01/11)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2008)

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