Unter Wilfried Seipel wurde das KHM ein modernes Museum.
„Gschaftler“, „Patriarch“ – je länger einer im Amt ist, umso weniger schmeichelhaft klingen die Charakterisierungen. Wilfried Seipel (64), der nach 18 Jahren als Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums (KHM) dieses mit Jahresende verlässt, hat alle Höhen und Tiefen durchgemacht. Schon beim Amtsantritt – der ehemalige Wissenschaftsminister Erhard Busek holte den umtriebigen Chef des OÖ-Landesmuseums nach Wien zurück – gab es heftige Attacken gegen den Ägyptologen wegen angeblich illegaler Transaktionen bei Ausgrabungen.
Das war bald vergessen. Seipel eilte in den ersten Jahren von Erfolg zu Erfolg. Die Politik stärkte ihm den Rücken, erst Busek, dann Elisabeth Gehrer. Seipel zeigte tolle Ausstellungen, im Künstlerhaus, im Palais Harrach, im KHM selbst. Er erwies sich als gebildeter, vielseitiger, eloquenter Direktor neuen Typs.
In den Achtziger- und Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts änderte sich die Museumslandschaft gewaltig: Museen wurden international zu Prestigeobjekten, es gab viele Um-, Zu- und Neubauten. Wien zog nach. Die Ausgliederung der Bundesmuseen trägt Seipels Handschrift. Die Museen wurden saniert. Neue Besucher strömten herbei. Sie verlangten nach zeitgemäßer Vermittlung, Entertainment.
Wissenschaftliche Qualifikation bleibt gefragt, wie man an der Besetzung der KHM-Direktion mit einer vor allem fachlich profilierten Persönlichkeit wie Sabine Haag sieht, aber ohne Management geht nichts mehr. Mit diesem war Seipel zwar am Ende überfordert, aber er hat auch viel geschafft. Nicht nur, aber zu einem wichtigen Teil dank ihm ist das KHM heute ein modernes Museum, vergleichbar dem Louvre, dem British Museum oder berühmten italienischen Sammlungen. War es das nicht immer? Nein. Es war immer ein wunderbares Museum, aber es wirkte vernachlässigt, die Präsentation altmodisch. In diesem Zusammenhang sollte Seipels Vorgänger, Univ.-Prof. Hermann Fillitz, nicht vergessen werden, dem die Probleme bewusst waren und der sich energisch für eine Änderung der Verhältnisse einsetzte.
Vor Ideen sprudelnd
Am Ende bleibt Seipels Bilanz gemischt: Da sind die tollen Ausstellungen von Giorgione bis Bacon, Tizian, Goya, Brueghel, El Greco, jetzt der Antiken-Mythos. Die Saliera kehrte nach possenartigen Begebenheiten zurück. Die Sicherheit wurde (hoffentlich) verbessert. Geld dafür gab es. 2004/05 zerzauste der Rechnungshof die KHM-Organisation. Ein Geschäftsführer wurde bestellt: Paul Frey. Was man sich erspart hätte, hätte man diese Lösung früher gewählt, darüber möchte man lieber nicht nachdenken.
Das KHM verleibte sich das Theater- und das Völkerkundemuseum ein. Das Völkerkundemuseum ist wie die Kunstkammer eine Baustelle, darum muss sich Sabine Haag kümmern. Ob sie so vor Ideen sprudelt wie Seipel, wird man sehen. Die Latte liegt hier durchaus hoch – und die finanziellen Bedingungen sind härter geworden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2008)