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Mangel an Vitamin D3 erhöht die Sterblichkeit signifikant

Lange unterschätzt: Reichliche Zufuhr des „Sonnen-Vitamins“ kann Blutdruck, Sturzgefahr und teilweise auch das Krebsrisiko senken.

GRAZ. Spannend, überraschend auch für die Fachwelt: Ein Vitamin-D3-Mangel geht mit deutlich erhöhter Sterblichkeit einher, während reichliche Zufuhr des „Sonnen-Vitamins“ Sturzgefahr und Blutdruck senken kann. Und weil sich ein Vitamin-Minus auch als Risikofaktor für Koronar-Erkrankungen herauskristallisierte und Vitamin D3 vor einigen Krebsarten zu schützen scheint, gerät dieses einstige Stiefkind der Forschung nun immer mehr in den Brennpunkt wissenschaftlichen Interesses.

„Menschen mit einem Vitamin-D3-Spiegel im untersten Viertel wiesen eine doppelt so hohe Sterblichkeit auf wie Probanden mit höheren Werten“, berichtet Harald Dobnig von der klinischen Abteilung für Endokrinologie und Nuklearmedizin an der Medizinischen Universität Graz von einer aktuellen und noch immer laufenden Studie. Diese wurde acht Jahre lang unter der Leitung von Prof. Winfried März in Ludwigshafen an mehr als 3200 Männern und Frauen im Durchschnittsalter von 62 Jahren durchgeführt und von Dobnig analysiert, aufbereitet und publiziert.


Kurbelt Immunabwehr an

„Das Vitamin scheint viel mit Gefäß-Gesundheit zu tun zu haben“, mutmaßen die Wissenschaftler, die die Wirkmechanismen dieses Vitamins noch nicht 100-prozentig durchschaut haben. Feststeht: „Vitamin D3 wurde lange in seinem Wert unterschätzt“, erklärt Dobnig. Denn neben seiner schon seit geraumer Zeit bekannten positiven Wirkung auf den Knochen kurbelt es auch die Immunabwehr an, schützt bis zu einem gewissen Grad vor Infekten und Krebs. Dobnig: „Vor allem Brust-, Prostata- und Lungenkrebs scheint bei Patienten mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln häufiger aufzutreten.“

Der neue potenzielle Tausendsassa unter den Vitaminen kann aber noch mehr: Er mindert das Sturzrisiko bei Senioren um erfreuliche 43 Prozent. „Das haben wir heuer im Rahmen einer doppelblinden, randomisierten Studie herausgefunden, die in Graz 18 Monate lang an über 70-Jährigen mit mäßigem Vitamin-D3-Mangel durchgeführt wurde“, erzählt Dobnig. Einem Teil der Probanden wurden 800 Einheiten Vitamin D3 plus 1000 Milligramm Kalzium täglich gegeben, einer anderen Gruppe nur Kalzium. „Die Vitamin-Gruppe stürzte viel seltener, zudem waren Muskelkraft, -koordination und Körperbalance besser.

Noch immer nicht genug der Benefits, Vitamin D3 und Kalzium sind auch imstande, hohen Blutdruck zu senken. „Auch das hat unsere Grazer Studie ergeben“, vermerkt Dobnig. Es mehren sich zudem Hinweise, denen zufolge das Vitamin auch Tuberkulose und Multiple Sklerose positiv beeinflusst. Was noch eindeutig fehle, so der Fachmann, seien groß angelegte Interventionsstudien mit Placebo- und Vitamin-D3-Gruppen. Denn in der großen deutschen Studie wurde „nur“ untersucht, was körpereigene Vitamin-D3- Spiegel ausmachen.


Absolut sichere Dosierung

Mittlerweile rät Dobnig zur täglichen Einnahme von 1000 Einheiten Vitamin D3. „Wir, meine Frau und meine drei Kinder, nehmen über die Wintermonate einmal pro Woche 7000 Einheiten in Tropfenform“, verrät Dobnig. Das sei eine absolut sichere Dosierung und könne auch ohne Bestimmung des Vitamin-D-Spiegels eingenommen werden.

„Ältere und/oder gehbehinderte Leute, die sommers wenig an der Sonne sind, brauchen, vor allem im Winter, vielleicht sogar 2000 Einheiten am Tag. Nebenwirkungen sind bei diesen Dosen nicht zu erwarten, auch bei gleichzeitiger Einnahme anderer Medikamente nicht“, beruhigt der Experte.

Zwei Drittel der Österreicher seien in den Wintermonaten im roten Bereich hinsichtlich ihrer Vitamin-D3-Blutspiegel. „Auch Ärztekollegen haben zum Teil eklatant niedrige Werte.“ Vor allem jene, die sich hauptsächlich in Ordinationen und Spitälern aufhalten.

80 Prozent des Vitamin-D3-Speichers wird durch Sonnenlicht „betankt“, die Produktion findet in der Haut statt. „Ältere Leute haben eine dünnere Haut, was die Produktion noch einmal mindert.“ Etwa 20 Prozent des benötigten Vitamins führen wir mit der Ernährung (fette Fische, Eier, Milchprodukte) zu.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2008)