400 Mio. Euro hat die MÁV-Cargo die ÖBB gekostet, plus 169 Mio. Euro für Investitionen. MÁV-Cargo erwirtschaftete im Vorjahr lediglich ein Betriebs-Ergebnis von 1,9 Mio. Euro.
Budapest. Rund elf Monate hat die Übernahme der Güterverkehrssparte der ungarischen Staatsbahn MÁV durch die ÖBB gedauert. Den Zuschlag gab es bereits im Jänner, das Closing erfolgte nach verlängerter Prüfung durch die EU-Wettbewerbshüter am Dienstag, „Die Presse“ berichtete. 102,5 Mrd. Forint zahlt die heimische Bahn an die Ungarn. Der Kaufpreis wurde seit Jahresbeginn in mehreren Tranchen in Forint gewechselt und beträgt rund 400 Mio. Euro. Zusätzlich verpflichteten sich die ÖBB, innerhalb der nächsten fünf Jahre 44 Mrd. Forint (169 Mio. Euro) in die MÁV-Cargo für Modernisierungen zu investieren. Der erste Schritt ist ein Darlehen über ein Fünftel dieser Summe
„Wir hätten nicht die finanzielle Kraft gehabt, dieses notwendige Investitionsvolumen allein zu finanzieren“, sagt MÁV-Generaldirektor István Heinczinger. Daher sei die Suche nach einem Partner notwendig gewesen. In Ungarn hatte es zuletzt massive Kritik an dem Verkauf gegeben. Aber auch in Österreich gab es Stimmen, die den Kaufpreis als überhöht bezeichneten. „Unser Plan ist, dass sich der Kauf in den nächsten zehn Jahren rentiert“, sagt Günther Riessland, Vorstand der ÖBB-Güterverkehrssparte Rail Cargo Austria (RCA).
Die Gewinne der MÁV-Cargo dürften dazu nicht reichen. Diese erwirtschaftete im Vorjahr ein Betriebsergebnis von 1,9 Mio. Euro. „Das Ergebnis hat zweifellos Verbesserungsbedarf.“ Durch den Zusammenschluss von RCA und MÁV-Cargo werde jedoch zusätzliches Wachstum möglich, das entsprechende Renditen abwerfen müsse, so Riessland weiter.
„Nummer eins in Südosteuropa“
„Die RCA ist nun eindeutig die Nummer eins in Südosteuropa“, sagt RCA-Chef Friedrich Macher. Die Güterbahn transportiert künftig pro Jahr 141 Mio. Tonnen, die Verkehrsleistung (Tonnen mal gefahrene Kilometer) beträgt 28,2 Mrd. Tonnenkilometer. „Wir sind zusammen mit der polnischen PKP und der französischen SNCF in einer Verfolgergruppe der Deutschen Bahn“, sagt Macher. Die Deutschen sind mit einer Verkehrsleistung von 98,8 Mrd. Tonnenkilometern unangefochtene Nummer eins, PKP und SNCF liegen mit je rund 40 Mrd. Tonnenkilometern noch vor der RCA.
Die RCA sei dafür jedoch im Speditionsgeschäft stärker aufgestellt, so Macher. Entscheidend sei dies, da „es zu einer massiven Konzentration kommen wird, bei der nur drei bis vier Unternehmen übrig bleiben werden. Und wir werden eines davon sein.“
Bei den ÖBB sieht man den Kauf der MÁV-Cargo daher als langfristiges strategisches Investment. Hätte die Deutsche Bahn den Zuschlag erhalten, wären die Wachstumsbestrebungen der ÖBB Richtung Südosteuropa im Keim erstickt worden, heißt es.
Mit der MÁV-Cargo erwirbt die RCA unter anderem 13.000 Waggons – von denen 3000 als schrottreif gelten – und eine Waggonfabrik im ungarischen Miskolc. „Diese ist für uns ein wichtiges Asset“, so RCA-Vorstand Ferdinand Schmidt. Dadurch hätte die Bahn künftig „größere Unabhängigkeit“ von den Waggonproduzenten. Zuletzt galten Güterverkehrswaggons in Europa als Mangelware. Ob das angesichts veränderter konjunktureller Rahmenbedingungen so bleiben wird, ist ungewiss.
Die Rolle der MÁV-Cargo innerhalb der RCA soll vorerst eigenständig bleiben. „Strategische Entscheidungen werden natürlich in Abstimmung mit Wien erfolgen“, sagt Macher. Auf die Verhinderung von kulturellen Problemen soll bei der Eingliederung der MÁV-Cargo besonders Wert gelegt werden – zuletzt gab es öfters österreichisch-ungarische Spannungen. Daher wird sich eine eigene Stabsstelle mit diesem Thema beschäftigen.
Auf einen blick
■Seit Dienstag ist die 400 Mio. Euro schwere Übernahme der MÁV-Cargo durch die heimische Bahn fixiert. Als „Einstiegsgeschenk“ erhält die MÁV-Cargo ein Darlehen über 33,8 Mio. Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2008)