Werner Welzig legt sein zweites Wörterbuch zur „Fackel“ vor: Das „Schimpfwörterbuch“ zeigt Karl Kraus als Meister des Pejorativen, Abschätzigen.
Ihr Pflichterfüller. Ihr Tagschreiber. Ihr Tugendbolde. Ihr Weltregisseure. Ihr Adjektivkünstler. Ihr Renaissancefiguren. Ihr Repräsentanten der Zeit. Ihr Inselmenschen. Ihr Tatmenschen. Ihr Kulturmenschen. Ihr Naturmenschen.
Ihr Charakterdarsteller. Ihr Gottesleugner. Ihr Durchlauchten. Ihr Siebengescheiten. Ihr Neunmalklugen. Ihr Lebensbejaher.
Haben Sie es erkannt, Sie Qualitätszeitungsleserin, Sie Wissenschaftsseitenleser? Der zweite Absatz dieses Textes besteht aus Bruchstücken von Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“, aus der letzten Staffel an „Beschimpfungen“, in der es allmählich versöhnlich, ja: rührend wird, bis hin zur letzten Anrede: „Ihr Mitmenschen ihr.“
Der erste Absatz speist sich aus dem „Schimpfwörterbuch“ zu der von Karl Kraus 1899 bis 1936 herausgegebenen Zeitschrift „Die Fackel“, das der Germanist Werner Welzig, langjähriger Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, herausgegeben hat. Als Auswahlkriterium nennt er vor allem die „pejorative Qualität“ – die obige (natürlich mit Absicht gewählte) Liste zeigt, dass man diese den Wörtern zumindest nicht immer ansieht.
„Prominent“: ein „Ekelwort“
Die Bezeichnung „Kulturmenschen“ z.B. hat Kraus oft lobend oder neutral verwendet, seine Aufnahme verdankt es laut Register einer Passage, in der Kraus zwei Menschen „Kulturmenschen“ nennt, die diese Bezeichnung seiner Ansicht nach nicht verdienen. Ob das Wort durch diesen wohl eher ironischen Gebrauch wirklich zum Schimpfwort wird?
Sein (etwas unübersichtliches) „Schimpfwörterbuch“ sei nicht als Lexikon der gängigen Kraftwörter oder Beleidigungen zu verstehen, betont Welzig – und nennt das Beispiel „prominent“. Dieses Wort hasste Kraus, verdammte es als „Ekelwort“, das in einem „peinlichen Sprachgebrauch“ stehe, nannte es einen „Ausdruck, für alles, was nicht hervorragt“, verwendete also sogar die Etymologie gegen das Wort, das er im ursprünglichen Sinn (für „hervorstechend“, „auffällig“) an anderer Stelle sehr wohl gebrauchte.
Solche Wortsuche erlaubt die – nicht genug zu lobende – Digitalisierung der „Fackel“. Jeder sollte auf aac.ac.at surfen, sei es nur, um sich zu überzeugen, dass der in einer Wiener Zeitung unlängst wieder fälschlicherweise Kraus zugeschriebene läppische Kalauer über die Prager Literatur „Es werfelt und brodelt und kafkat und kischt“ garantiert nicht in der „Fackel“ steht.
Oder um abzuzählen, dass das Wort „Tepp“, das Kraus selbstverständlich noch nicht „Depp“ schrieb, 23-mal vorkommt. 14-mal davon im Artikel „Der alte Tepp“, der so beginnt: „Der Abgeordnete Bielohlawek hat Tolstoi einen ,alten Teppen‘ genannt. Das ist nicht zu entschuldigen. Denn der Abgeordnete Bielohlawek hat von Tolstoi keine Ahnung, zu solchem Urteil aber könnte einer nur auf Grund genauer Kenntnis des Tolstoi'schen Wirkens gelangen.“ Kraus behandelte den Christlichsozialen Hermann Bielohlawek (dem der Ausspruch „Kultur ist, was ein Jud' vom anderen abschreibt“ zugeschrieben wird) übrigens überraschend milde, nannte ihn nur einen „Hanswurst“.
Attacke gegen „Trotzbuben“
Das Wort „Trottel“ kommt 105-mal in der „Fackel“ vor, das letzte Mal als letztes Wort im letzten Artikel, den Welzig einen „Quelltext“ nennt, u.a. weil man an ihm „Ethos, Pathos und Technik pejorativer Rede“ studieren könne. „Wichtiges von Wichten“, im Februar 1936 erschienen, ist im Grunde eine Verteidigung des Dollfuß-Regimes gegen den „Faschismus“-Vorwurf, eine Erregung, die trotz der langen, kunstvollen Sätze atemlos klingt. Sie entzündete sich an der „Aufregung“ von „Trotzbuben“, die in der sozialdemokratischen Zeitschrift „Gegen-Angriff“ ein Kraus-Gedicht abgedruckt hatten, mit einem Beistrich zu wenig: Statt „Kein Wort, das traf“ las man „Kein Wort das traf“. Kraus hatte sie darauf geklagt und wurde von ihnen als „Komma-Kraus“ verspottet. In „Wichtiges von Wichten“ schrieb er, chronisch von der Sozialdemokratie enttäuscht, von „Parteinuchen, die, vor der Vollkraft jedes Wortes der Fackel erbebend, aus ihrem Herzen just nicht die Mördergrube zu machen pflegten, in die schließlich alle Politik mündet“.
Indessen schwieg die „Fackel“ angesichts der Machtergreifung des Nationalsozialismus in Deutschland! Der Zusammenhang zwischen diesem Schweigen und dem fehlenden Komma sei „niemandem des Nachdenkens würdig“ gewesen, schreibt Welzig: Gerade wenn solches (die NS-Machtergreifung) geschehe, dürfe eben „nicht ein Jota oder Häkchen vergehen“. Das ist nicht von Karl Kraus. Das ist aus der Bibel, Matthäus 5,17, und meint das göttliche Gesetz. Man muss kein „Sprachschurke“ sein, um hier zu protestieren: zu viel des Pathos. Dabei freilich sehr krausianisch. Im Gedicht hat es Kraus bescheidener gesagt: „Ich bleibe stumm; und sage nicht, warum.“
SCHIMPFWÖRTERBUCH
■Erschienen im Verlag der Akademie der Wissenschaften – als Schuber mit drei Bänden: „Alphabetisches“ (mit 2775 Stichwörtern, von „Aasgeier des Interessanten“ bis „Zwischenstufen“), „Chronologisches“ (mit 555 Stichwörtern mit ihrem „Umfeld“ als Faksimile), „Explikatives“ (mit diversen Materialien und Erklärungen). Preis: 75 Euro.
■Präsentiert wird das Werk am 4.12., um 18 Uhr, im Theatersaal der Akademie (Wollzeile 27a): Installation, Lesung und Buffet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2008)