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Sechzehn Tage ...

... gegen Gewalt an Frauen. Und drei Wünsche zum Thema.

So wie der Wald seinen internationalen Tag hat und der Wal, das Bier, die Lepra, die Brailleschrift und die Schildkröte, so gedenkt man alljährlich auch der Gewalt gegen Frauen. 16 Tage lang, bis 10. Dezember, hängt deswegen am Wiener Rathaus sogar eine Aktionsfahne. Wer will, kann das läppisch finden. Wer will, kann es allerdings auch wichtig nehmen.

Drei Wünsche gäbe es z.B. hier. Der erste richtet sich an die Medien: Verbannen Sie das Wort „Familientragödie“ oder „Beziehungsdrama“ aus der Berichterstattung, wenn Sie Gewalt meinen. Dass ein Mensch einen anderen verprügelt, vergewaltigt oder gar ermordet, hat nichts mit antikem Theater zu tun. Es gibt kein Schicksal, keinen Willen der Götter, der Männer zwingt, Rache zu nehmen, wenn sie von einer Frau abgewiesen, betrogen oder verlassen werden. Auch das Wort „Liebe“ ist hier meistens fehl am Platz – obwohl es jeder Täter gern zur Rechtfertigung verwendet. Nicht um Liebe geht es bei den meisten Beziehungstaten – sondern um Macht, Kontrolle und darum, Angst zu machen.

Der zweite Wunsch richtet sich an die Innenministerin. Wir haben ein Fremdenrecht, das Migrantinnen an ihre Ehemänner kettet. Ein Österreicher, der eine Gattin aus der Türkei, der Ukraine oder aus den Philippinen importiert, ist, rechtlich gesehen, in einer komfortablen Lage: Er kann sie, wenn ihm irgendwas nicht passt, jeden Tag daran erinnern, dass sie hundertprozentig von ihm abhängig ist. Und das entspricht den Tatsachen, nicht nur materiell. Denn eine Ausländerin, die über die Familienzusammenführung nach Österreich kommt, hat fünf Jahre lang keinen eigenen Aufenthaltstitel. Sobald sie einem Mann, der sie quält, ausbeutet oder demütigt, davonläuft, sobald sie auch nur die gemeinsame Wohnung verlässt, sieht das Fremdenrecht ihre Abschiebung vor. Diese Regelung ist menschenverachtend und gehört abgeschafft, sofort. Sie wurde nicht nur von der Partei der Innenministerin beschlossen, sondern auch von jener Partei, die am Wiener Rathaus eben die Aktionsfahne gegen Gewalt an Frauen gehisst hat. So viel zum Thema Doppelmoral.

Der dritte Wunsch richtet sich an die Männer. Denn Gewalt gegen Frauen ist nichts, was nur die Opfer angeht. Eine Gesellschaft, die Geschlechtergewalt toleriert, verharmlost oder unterschwellig rechtfertigt, tut auch Männern nicht gut. Auch Männer sind gefangen in Rollenzwängen. Und auch sie leiden darunter, wenn ihnen der patriarchale Ehrbegriff keinen anderen Ausweg zeigt als zuzuschlagen. Wir brauchen daher mehr Bubenarbeit und mehr Männerforschung, wir brauchen Männerberatung für akute Konfliktsituationen sowie öffentliche Role Models, die verschiedenste Arten männlicher Stärke vorleben. Wir brauchen eine Genderpolitik, die beide Geschlechter im Blick hat, und es wäre schön, wenn die auch von Männern gemacht würde. – Fromme Wünsche? In Skandinavien könnte man sich ein paar Ideen abschauen, wie das geht.

Sibylle Hamann ist Journalistin in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2008)