Laut und undiszipliniert zeigten sich die Bewohner der Innenstadt bei einer Info-Veranstaltung zur geplanten Lueger-Garage. Da halfen auch die Veränderungs-Managerinnen nichts.
WIEN. Gut, dass es ausgebildete „Veränderungsmanagerinnen“ gibt. Schlecht, dass eine solche Ausbildung wenig nützt, wenn man einen Saal voller Garagengegner zu kontrollieren versucht. Denn die sind meist fortgeschrittenen Alters und vor allem eines: sehr erbost. Und laut.
Zwei Veränderungsmanagerinnen wurden engagiert, um beim „Bürgerbeteiligungsverfahren“, das City-Chefin Ursula Stenzel initiiert hat, zu moderieren. An drei Abenden sollen sich Anrainer über den geplanten Garagenbau unter dem Luegerplatz informieren und Änderungswünsche einbringen. Wie der erste Abend in der Aula der Akademie der Wissenschaften zeigte, lautet der Änderungswunsch der meisten schlicht: gar nicht erst bauen. Weil sie die Platane am Platz gefährdet sehen und den Bedarf für eine Garage bezweifeln. Vor Beginn verteilen Mitglieder der Bürgerinitiative (BI) „Luegerplatz“ eifrig „Hände weg von der Platane“-Flyer. Und Zettel, auf denen die Schadstoffe aufgelistet sind, die jeder Stellplatz (eigentlich jedes Auto, aber egal) bringen würde: 0,151 kg krebserregende Partikel pro Jahr etwa. Die Sitzreihen füllen sich rasch. An die 80 Bewohner sind gekommen, man kennt einander, schließlich kämpft man seit 2004 gemeinsam gegen die Garage. Stenzel schüttelt Hände, lässt Orangensaft in Plastikbechern verteilen. Vorne auf dem Podium wollen mehrere Experten (sehr detailliert) über Garage und Oberflächengestaltung referieren. Gar nicht so leicht. Denn der Wunsch der Veränderungsmanagerinnen, „bitte die Präsentationen anzuhören, ohne zu unterbrechen“ wird ignoriert. „Warum ist niemand von der Bürgerinitiative am Podium?“, schreit ein Mann in Anzug und Krawatte. Es wird dazwischengerufen und debattiert, so laut, dass selbst die Mikros der Vortragenden wenig nützen. Die Veränderungsmanagerinnen versuchen zu kalmieren. Es gebe später genug Zeit, um Fragen zu beantworten. „Später“ ist nicht früh genug, es bleibt laut. Als Alfred Theuermann, Garagenkoordinator der Stadt, (im Beamtendeutsch) referiert, brüllt eine Frau von hinten: „Man versteht sie nicht.“ – „Kommen Sie nach vorne“. – „Nein, es ist Ihre Sprache“. Nach einer Stunde beginnt der Diskussionsteil, es wird weiter wild durcheinandergerufen. „Warum gibt es keine Bedarfsanalyse?“, fragt Helmut Hoffmann, der ganz vorne sitzt und „seit einem halben Jahrhundert“ täglich über den Luegerplatz geht. Tosender Applaus. Die Frage bleibt unbeantwortet. Und wie wird das Projekt subventioniert? „4000 Euro pro Stellplatz“. Erboste Proteste. „Viel zu viel. Das ist Steuergeld“.
Bürgerbefragung im Februar
Bis halb elf Uhr wird diskutiert, Projektbetreiber Wolfgang Reichl gibt sich trotz der destruktiven Stimmung optimistisch. Wenn eine Bürgerbefragung im Februar endgültig über die Garage entscheidet, hofft er auf ein Ja. Trotz allem. Denn an diesem Abend „sind ja nur die Gegner gekommen“. Die auch der Wurzelanalyse nicht glauben, wonach die Bauarbeiten die Platane nicht beschädigen würden. Denn: „Der erste Bauarbeiter, der eine Wurzel sieht“, sagt ein Mann, „sägt sie doch einfach ab.“ Applaus. Fortsetzung: heute, 18.30 Uhr, Akademie der Wissenschaften.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2008)