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Japan: Das Auto wird zum Auslauf-Modell

(c) EPA (Everett Kennedy Brown)
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Heuer werden so wenige Pkw verkauft werden wie zuletzt 1974. Das hat nicht nur mit der Finanzkrise zu tun. Denn die Japaner verabschieden sich vom „Statussymbol Auto“.

TOKIO. Die zwölf großen japanischen Fahrzeughersteller müssen ihre Pläne wegen der Weltwirtschaftskrise stark beschneiden. Im laufenden Geschäftsjahr (bis 31.März 2009) wollen sie jetzt um 1,9 Millionen weniger Fahrzeuge bauen als bisher geplant. Toyota fährt allein in den USA seine Produktion um 953.000 Autos zurück: Fast so viele Autos stellt der deutsche Konkurrent Audi weltweit her.

In Japan dürften heuer nur 3,25 Mio. Autos verkauft werden, so wenige wie seit dem Jahr 1974 nicht mehr. Das hat drastische Folgen: Allein an den Förderbändern in Japan fallen 14.000 Jobs in der Autobranche weg. Selbst am Management wird nun gespart. Toyota kürzt rund 8700 Führungskräften erstmals in der Firmengeschichte den Jahresbonus um zehn Prozent. „Ein Sturm fegt über den Automarkt hinweg“, konstatiert Hitoshi Yamamoto, Chef von Fortis Asset Management Japan.

Wirklich überraschen darf das nicht, und es liegt nicht nur an der Finanzkrise. Vor allem für junge Japaner gilt das Auto als Auslaufmodell. „Das eigene Fahrzeug, einst unverzichtbar für jeden Mann, hat seinen Glamour als Statussymbol eingebüßt“, resümiert die Zeitung „Asahi Shimbun“. Vor allem in den Metropolen Tokio, Osaka und Yokohama ist der eigene Wagen eher überflüssig geworden, stellen nicht nur Singles, sondern zunehmend auch Familien mit kleinen Kindern die Frage: Braucht man wirklich ein Auto?

 

Jeder Dritte hat kein Auto

Die jüngste Erhebung des Branchenverbandes JAMA kommt zum Ergebnis, dass von 2001 bis 2005 die Zahl der Japaner, die kein Auto besitzen von 21,3 auf 32,1 Prozent gestiegen ist.

Das Leben in japanischen Städten ist heute so organisiert, dass die tägliche Routine wie Einkaufen, Bankomat, Post oder Restaurant in der Regel im Umkreis von 300 Metern zu erledigen ist. „Wenn ich wirklich mal privat aus dieser Bannmeile herausmuss, benutze ich das Fahrrad“, sagt der 22-jährige Angestellte Motoyuki Maeda aus der Toyota-Stadt Nagoya, obwohl seine Eltern ein Auto und er den Führerschein besitzen.

Im September zeigte eine Umfrage unter 20- bis 50-Jährigen, dass 74 Prozent der Japaner das Internet wichtiger ist, gefolgt von 56 Prozent, die ein Handy weniger verzichtbar fanden als ein Auto. Nur noch 6,7 Prozent wollten ohne eigene vier Räder nicht leben. Aber auch Gesetze und Steuern haben vielen Japanern das Autofahren verleidet. In den Innenstädten kommt man allenfalls auf den gebührenpflichtigen Hochstraßen einigermaßen zügig voran. Fernstrecken wie die 500 Kilometer zwischen Tokio und Kyoto kosten rund 85Euro. Obwohl diese oft nur zweispurigen Highways offiziell als Autobahnen definiert werden, ist eine Geschwindigkeit von 50 bis maximal 80 km/h erlaubt.

 

500Euro für einen Parkplatz

Schikanen gegen das Autofahren hat selbst die Autoindustrie eingebaut. Lange klingelte bei Überschreiten von Tempo 80 ein nerviges Glöckchen. Alle gängigen Navigationssysteme sind so programmiert, dass sie nur im Stehen oder im Schleichverkehr zu programmieren sind. Besonders abschreckend ist der Parkplatz. Es wird kein Auto zugelassen, wenn der Besitzer nicht zuvor der Polizei den Nachweis einer dauernden Abstellmöglichkeit vorgelegt hat. Einen Parkplatz in Tokio zu mieten, kostet sehr leicht 500Euro oder mehr – pro Monat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2008)