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Woody Allen: „Ich bin schlechter als das Mittelmaß“

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Woody Allens neue Komödie „Vicky Cristina Barcelona“ spielt in Spanien. Ein Gespräch über traumhafte Dreharbeiten, die Faszination Europas für Amerikaner und Allens Traurigkeit, ein unbegabter Musiker zu sein.

Die Presse: In „Vicky Cristina Barcelona“ beschreiben Sie die Sehnsucht von jungen Menschen, sich künstlerisch zu betätigen oder jedenfalls Zugang zur Welt von Künstlern zu erlangen.

Woody Allen: Mit diesem Thema beschäftige ich mich schon seit Jahren, in Innenlebenvon 1978 habe ich etwa darüber geschrieben. Es macht mich immer sehr traurig zu sehen, dass da draußen so viele Leute sind, deren Kopf voller Ideen ist, die sich so gern künstlerisch ausdrücken möchten. Aber sie können es nicht, sie haben kein musikalisches, kein literarisches, kein zeichnerisches Talent, nur diese Gefühle. Das ist eine fürchterliche Situation.

Kennen Sie dieses Gefühl auch?

Allen: Ja, vor allem in der Musik. Ich bin ein sehr schlechter Musiker. Ich spiele die Konzerte auf der ganzen Welt nur, weil ich eine Berühmtheit bin. Wenn dem nicht so wäre, würde sich kein Mensch dafür interessieren. Ich bin schlechter als das Mittelmaß, möchte aber so gern ein guter Musiker sein. Ich höre oft anderen beim Spielen zu, schließe meine Augen, bewege mich dazu. Aber es kommt nichts raus, weil es gar nicht erst in mir drinnensteckt. Das macht mich unheimlich traurig. Millionen Menschen ergeht es so, wie eben auch Cristina in meinem neuen Film oder den Figuren in Innenleben. Es ruiniert ihre Leben. Ihr ganzes Leben verbringen sie mit dem Versuch, sich künstlerisch auszudrücken, sie schaffen es aber nie. Sehr traurig.

Der Film ist allerdings bestimmt von einer sehr lebensfrohen Sinnlichkeit. War die von Anfang an Teil des Projekts?

Allen: Ich hatte so großes Glück! Als Penélope Cruz mich angerufen hat, kannte ich sie überhaupt nicht, hatte keinen einzigen Film mit ihr gesehen. Und dann saß ich in Pedro AlmodóvarsVolver.Penélope ist darin so umwerfend, wunderschön und außergewöhnlich gleichzeitig. Sie hat also angerufen, da sie erfahren hatte, dass ich einen Film in Spanien drehen werde, und mich gefragt, ob sie mitmachen könnte. Das war ein Lotteriegewinn! Also habe ich ihr die Rolle auf den Leib geschrieben. Scarlett (Johansson) ist eine gute Freundin. Dass diese zwei Frauen, mitunter die schönsten und anregendsten überhaupt, jetzt in meinem Film spielen, ist ein Zufall. Besser kann man's gar nicht erwischen. Ich hatte also hervorragende Arbeitsverhältnisse: Jeden Morgen kam ich ans Set und Penélope und Scarlett saßen schon mit einer Tasse Kaffee da und warteten auf mich.

So entspannt war die Arbeit in Spanien aber nicht immer: Barcelona war ja außer Rand und Band, als Sie dort gedreht haben.

Allen: Es war erstaunlich einfach. Klar, es gab große Menschengruppen, aber jeder hat mitgearbeitet. Ich konnte eine Traube von 200 Leuten um Ruhe bitten, und sie waren ruhig. In New York hätte man mich mit Gegenständen beworfen. Wir hatten auch kein großes Budget zur Verfügung, waren also auf die Kooperation mit den Leuten und Institutionen vor Ort angewiesen: Das war eine traumhafte Erfahrung für mich.

Wieso verwenden Sie in „Vicky Cristina Barcelona“ eine Erzählerfigur?

Allen: Für mich ist es eine Erzählung. Ich habe die Erzählerstimme einfach geschrieben, ohne darüber nachzudenken. Über die Jahre hinweg habe ich ja in vielen meiner Filme selbst zum Publikum gesprochen. Das kommt aus meiner Zeit als Stand-up-Komödiant, während der ich immer direkt zu den Leuten gesprochen habe.

In Ihren letzten Filmen haben Sie vor allem junge Menschen gezeigt. Sehen Sie sich in diesen Figuren auch selbst, bearbeiten Sie damit auch Teile Ihrer eigenen Lebensgeschichte?

Allen: Nein, wenn ich einen Film fertigstelle, sperre ich mich im Zimmer ein und überlege mir einen anderen Film. Wenn mir dabei zuerst ein Krimi oder ein Musical eingefallen wäre, hätte ich eben das gedreht. Die Leute glauben immer, ich hätte einen besonderen Grund, einen bestimmten Film zu drehen, dass ich nach einem Thriller unbedingt eine Romanze machen möchte. So ist das aber überhaupt nicht. Ich würde auch zehn Krimis hintereinander drehen, wenn sie mir einfallen würden. Alles ist Zufall.

Sie haben jetzt vier Jahre lang in Europa gelebt und gearbeitet. Was bedeutet Ihnen das?

Allen: In meiner Jugend, als ich gerade begonnen hatte zu arbeiten, waren die Lieblingsfilme meiner Clique alle europäisch. Wir wollten nichts mehr, als europäische Regisseure zu werden. Aber leider waren wir Amerikaner, und wir haben ein vollkommen anderes System der Filmproduktion. Jetzt, nach so vielen Jahren, kann ich mich zumindest einigermaßen wie ein europäischer Regisseur fühlen: Ich arbeite mit Penélope Cruz und Javier Bardem, ich arbeite in anderen Sprachen. Vier Jahre lang drehe ich nun schon im Ausland, und ich will weitermachen, nach Italien, Spanien und Frankreich gehen. Nichts könnte mir mehr Freude bereiten.

Sie spielen dabei auch mit dem Bild, das sich Amerikaner von Europa machen.

Allen: Die Wahrheit ist, dass es in den USA immer ein Mysterium um Europa gegeben hat. Man empfindet es als romantisch, geheimnisvoll, sexuell befreit, als in vielen Angelegenheiten den USA weit voraus. Im Verlauf der letzten acht Jahre war Europa für die Amerikaner sicherlich ein Paradies, aber dieses Gefühl war eigentlich immer schon vorhanden – ein Gefühl, dass es sich um eine andere Welt handelt, mit anderen Werten. Bei mir kommt das daher, dass ich als junger Mann viele europäische und amerikanische Filme gesehen habe. Die europäischen waren immer einfallsreicher, kulturell befriedigender, sexuell abenteuerlicher und reifer. Die amerikanischen hingegen waren Hollywood-Filme, nur dafür gemacht, um Geld zu verdienen: eskapistisches Kino. Deshalb haben die Amerikaner diese Gefühle über Europa: Man fährt dorthin und findet einen tieferen Lebenssinn.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2008)