Lang stehe Faymanns Tisch!

Wir Armen, die wir viel mehr Zeit im Vorzimmer der Macht verbringen als in deren restlicher Wohnung, grübeln oft über Fragen wie...

Vergammelt auch in der Küche der Macht mitunter ein Aufstrich im Eiskasten? Sammelt sich auch in ihrem Schlafzimmer der Lurch unterm Bett? Rollen auch in ihrem Arbeitszimmer die Bleistifte in den Spalt zwischen Tisch und Wand?

Dank der Zeitung, die den Namen dieses Landes trägt, weiß ich seit gestern, Mittwoch, zumindest eines: Der neue Kanzler regiert uns von einem „600 Euro teuren, schlichten Bene-Schreibtisch aus“, der auf derselben Seite zweimal als „Billigschreibtisch“ und einmal als „Billigbürotisch“ bezeichnet wird, dazu kommt ein „Billigkonferenztisch“, ja: der „billigste Konferenztisch Österreichs“.

Ich billige das. Mir sind immer die Politiker am teuersten, die sich selbst am wenigsten Teures zubilligen; dass Kanzler Gusenbauer z.B. mehr Rotweinsorten als Zweigelt und Blaufränkisch kannte und auch noch öffentlich stolz darauf war, fand ich, um es in der Sprache meiner Jugend zu sagen, ziemlich peinlich.


Die Zeit scheint hier auf meiner Seite zu sein: Als ich unlängst verkündete, dass es mir in keinem Gasthaus mit Stoffservietten schmeckt, hüstelte sogar der Gastrokritiker nur kurz. Understatement ist im Kommen, Werner Faymann spricht gar von „Demut“; diese Tugend sei vor allem den reichen Lesern ans Herz gelegt: Wenn ihr euch schon Illustrierte mit dem Motto „How to spend it“ kauft, lasst sie wenigstens nicht offen herumliegen.

Man muss nur aufpassen, dass man nicht zu laut demütig ist. Und dass man mit dem Wort „billig“ nicht so inflationär umgeht, dass es seinen Wert verliert, sozusagen noch billiger wird. Spätestens, wenn die erste Trendkolumne den Titel „Billig is the new teuer“ trägt, ist die Sache gelaufen, die alte dumme Protzerei startet ihr Comeback, und der nächste Kanzler stellt sich einen Rokoko-Sekretär ins Büro. Oder so ein Feng-Shui-Monster aus bei Mondlicht gesägten Zedern des Libanon. Hoffentlich hält die Koalition!


thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2008)

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