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Minister Primorac: "Kroatien toleriert keinen Faschismus"

Kroatischer Minister fuer Wissenschaft, Erziehung und Sport Dragan PRIMORAC
(c) (Michaela Bruckberger)
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Bildungsminister Dragan Primorac im Interview über Ustascha-Vorwürfe und das "Wissenszentrum“ Kroatien. Kroatien soll am Bildsungssektor konkurrenzfähig werden.

Die Presse: Die EU-Kommission hat festgestellt, dass die Beitrittsgespräche mit Kroatien bereits 2009 abgeschlossen werden könnten - eine positive Überraschung?

Dragan Primorac: Wir haben das erwartet, denn wir haben hart dafür gearbeitet. Der EU-Beitritt ist eine unserer Prioritäten - neben dem Beitritt zur Nato und der Weiterentwicklung Kroatiens zu einer auf Wissen basierenden Gesellschaft.

Die Presse: Die EU übte auch Kritik: wegen des Mordes am Herausgeber der Zeitung „Nacional" und anderen Attentaten. Ist Zagreb ein neues Zentrum der organisierten Kriminalität?

Primorac: Der Ministerpräsident, die Regierung und der Staatspräsident stecken sehr viel Energie in den Kampf gegen das organisierte Verbrechen, und man sieht bereits die ersten Erfolge: Es laufen sehr intensive Ermittlungen, mehrere Personen wurden verhaftet. Für Kroatien ist diese Art von Kriminalität eigentlich untypisch.

Die Presse: Woher kommt dann das Problem? Ist das eine Spätfolge des Krieges?

Primorac: Wir können stundenlang darüber diskutieren, warum diese Probleme aufgetaucht sind, und es gibt Mutmaßungen in alle Richtungen. Aber ich bin sicher, wir werden das bald lösen.

Die Presse: Sie sagten, Kroatien soll eine auf Wissen basierende Gesellschaft werden. Was bedeutet das?

Primorac: Seit 2004 haben wir das Budget für Erziehung und Wissenschaft um eine Milliarde Euro erhöht. In den Grundschulen wurde eine verpflichtende zweite Fremdsprache eingeführt. In den vergangenen vier Jahren hat sich die Zahl der Studenten um mehr als 40.000 erhöht. Wir haben im wissenschaftlichen Bereich Verträge mit dem National Institute of Health der USA und Ländern wie Israel, Indien und Japan abgeschlossen.
Ich möchte, dass jeder kroatische Student mindestens sechs Monate im Ausland verbringt. Wir holen Topwissenschaftler nach Kroatien - vor allem kroatische Wissenschaftler, die jetzt im Ausland tätig sind, aber auch andere. In den vergangenen vier Jahren sind 100 von ihnen zurückgekehrt. Wir wollen bis 2010 das wettbewerbfähigste Bildungssystem in diesem Teil Europas haben.



Die Presse: Das ist ein große Herausforderung.

Primorac: Natürlich ist es nicht einfach, mit Ländern wie Deutschland oder Österreich zu konkurrieren. Wir investieren viel in Forschung, weil Kroatien eine attraktive Umgebung für Wissenschaftler aus der ganzen Welt werden soll, insbesondere für unsere Nachbarn Bosnien, Serbien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Slowenien. Warum aber nicht auch für Italien oder Österreich?

Die Presse: Was tun Kroatiens Schulen, um nach dem Krieg der 1990er-Jahre die Versöhnung zu erleichtern?

Primorac: Es ist leicht, Menschen zu manipulieren, die nicht gebildet sind. Deshalb ist die Bildung der jungen Generation so wichtig, und dabei arbeiten wir eng mit Bosnien, Serbien und den anderen Ländern der Region zusammen. Die nächste Generation muss lernen, was Toleranz bedeutet.



Die Presse: Denken Sie auch an gemeinsame Geschichtsbücher?

Primorac: Im Gebiet Podunavlje rund um Vukovar, in der Region, die im Krieg schwer in Mitleidenschaft gezogen worden ist, tun wir das bereits. Dort leben serbische und kroatische Kinder, und man konnte sich lange nicht auf eine gemeinsame Geschichtsschreibung einigen. Als ich Minister wurde, habe ich serbische und kroatische Historiker zusammengebracht. Sie erarbeiteten Bücher, die von allen akzeptiert werden. Es ist klar, dass Kroatien angegriffen wurde, aber wenn Fehler auf kroatischer Seite begangen wurden, werden diese ebenfalls benannt.


Die Presse: Kroatien ist dem Vorwurf ausgesetzt, den Ustascha-Faschismus nicht aufgearbeitet zu haben. Bei Rockkonzerten lässt man Ustascha-„Traditionen" hochleben.

Primorac: Es gibt im modernen Kroatien null Toleranz gegenüber Personen, die das tun. Das hat auch Premier Sanader klargestellt. Seit ich 2004 das Amt des Bildungsministers angetreten habe, ist an allen Schulen ein Gedenktag für die Holocaustopfer eingeführt worden. Zudem schicken wir unsere Pädagogen zur Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel.
Unseren Kindern und Schülern wird gelehrt, dass die Zeit des Zweiten Weltkriegs eine schreckliche Zeit des Faschismus und Nationalsozialismus war und sich so nie mehr wiederholen darf. Unter anderem ist der heutige Staat Kroatien aus dem Antifaschismus entstanden. Diesen Prinzipien folgend, haben wir die Unabhängigkeit Kroatiens erkämpft.


Die Presse: Sie sollen vor einigen Jahren gesagt haben, Kroaten seien keine Slawen.

Primorac: So haben einige die Ergebnisse meiner wissenschaftlichen Arbeiten interpretiert. Es ist immer ein Problem, wenn Nichtwissenschaftler Wissenschaft interpretieren. Wir haben in unserer Arbeit die Struktur der Y-Chromosome von 1007 eurpäischen Männern untersucht. Einige dieser Genmarker sind etwa 40.000 Jahre alt. Und besonders interessant sind die 20.000 Jahre alten Genmarker in der kroatischen Bevölkerung. Wir haben darüber einen Artikel in „Science" veröffentlicht: über den Ursprung der Europäer und darüber, dass einige der ältesten Gene auf der Balkan-Halbinsel erhalten geblieben sind - nicht nur in Kroatien, sondern etwa auch in Bosnien und Serbien. Vor 20.000 Jahren hat es natürlich noch keine Kroaten gegeben. Als dann die Slawen im 7. Jahrhundert einwanderten, vermischten sie sich mit den Völkern, die bereits in der Region lebten. Somit gibt es kein reinen Ethnien. Zum Glück, denn das macht unsere Gene stärker.