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Sonny Rollins: Die Liebe ist Schuld

Sonny Rollins
(c) Universal
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Die Liebe zum Saxofon nämlich: zu der bekennt sich Jazzikone Sonny Rollins. Ein Gespräch über ­schöne Komplimente, produktive Fans, und welche Gefallen man seiner Frau manchmal tun muss.

Vor zwei Jahren gründete der 1930 in New York geborene legendäre Jazzsaxofonist Sonny Rollins sein Plattenlabel Doxy. Nach der 2007 edierten superben Neueinspielung ­„Sonny, Please“ kramte der einstige Antipode und Freund von John Coltrane in seinen Archiven und erfreut nun mit „Roadshows Vol. 1“, einer Compilation von verstreuten Liveaufnahmen aus aller Welt. Das „Schaufenster“ rief den Meister in seiner Wohnung in Harlem an.

Ihre Vornamen lauten eigentlich Theodore Walter. Die Welt kennt Sie nur als Sonny. Wie kam’s?

Nun, bei uns in Amerika nennen Familien ihren jüngsten Sohn gerne Sonny. Wie Sie sich vorstellen können, gibt es eine ganze Menge von uns.

Ihre Karriere dauert schon sechs Jahrzehnte. Was bedeutet Ihnen das Saxofonspielen noch?

Es ist einfach meine Art, mich als Mensch zu ­fühlen, ­meine Art, meine innersten Potenziale auszuloten. Es ist einfach alles für mich.

Ihr leider schon verstorbener Kollege Steve ­Lacy sagte, er kenne niemanden, der das Tenor­saxofon so liebt wie Sie. War das Ihr ­Erfolgsrezept?


Liebe ist eine wundervolle Angelegenheit. Sie hält alles in Schwung. Ich verspürte sie schon in meiner Brust, als ich noch als Bub im Radio ­meinen Idolen, zum Beispiel Fats Waller, lauschte. Diesbezüglich bekenne ich mich schuldig.

Ihr großes Idol am Saxofon war Cole­man Hawkins. Wieso haben Sie seine ­robuste Spielweise jener des viel sublimer agierenden Lester Young vorgezogen?

Natürlich war auch Lester einer meiner Heroen, bloß kam mir Hawkins früher ins Blickfeld. Als ich seine Interpretation von ­„Body And Soul“ hörte, war es um mich geschehen. In jedem Ton schimmert sein Intellekt auf wunder­barste Weise durch.

Einige der Aufnahmen auf Ihrem neuen Album stammen nicht aus Ihrem Archiv, sondern jenem von Carl Smith. Wer ist das?

Carl war ein großer Fan von mir, der vieles geheim aufnahm, das aber lobenswerterweise nie als Bootleg veröffentlichte. Meine Frau war strikt dagegen, dass mich irgendjemand aufnahm. Als sie aber in andere Sphären wechselte, kontaktierte ich ihn, um die Aufnahmen zu prüfen. Und siehe da, es waren teilweise sehr gute darunter.

Das will was heißen, schließlich haben Sie die Reputation, fast nie mit sich zufrieden zu sein.

Mein Fluch ist der angeborene Perfektionismus. Höre ich mich selbst, höre ich nur die Mängel.

Permanenter Wandel ist ein Zentralmotiv Ihrer langen Karriere. Wie sehen Sie es, dass sich so viele Hörer darauf beschränken, nur ganz bestimmte Stilarten des Jazz gut zu finden?


Für mich ist Jazz eine lebendige, sich ständig entwickelnde Sache. Die Sache muss permanent wachsen. Ich sehe auf nichts, das ich zu anderen Zeiten spielte, ­runter. In mein heutiges Spiel möchte ich alle Formen und ­Elemente, mit denen ich mich im Laufe der Jahrzehnte beschäftigt habe, auf gewisse Weise inkludieren.

Dennoch gibt es Jazzfreunde, die meinen, dass alle großen Werke im 20. Jahrhundert entstanden sind. Was sagen Sie zu solch konservativen Ansichten?

Angesichts der Leistungen von Musikern wie Coleman Hawkins ist es schwierig, gegen diese Ansicht zu argumentieren. Dennoch, denke ich, kann man die unterschiedlichen Sounds und Konzepte nicht vergleichen. Jazz reflektiert die jeweilige Gegenwart, und jede Generation bringt einen frischen, neuen Ansatz.

Sie wurden von Fans zum großen Antipoden von John Coltrane hochstilisiert. Wie fanden Sie das?

Dieses Bedürfnis verstehe ich schon, bloß waren John und ich wirklich gute Freunde. Man muss es den Fans nachsehen. Mein Lieblingskompliment - und ich hörte es öfters – war: „Sonny, ich mag gar keinen Jazz, aber das, was du spielst, finde ich super.“

Wie ist es, ein eigenes Label zu führen?

Ich bin ständig auf der Flucht vor den geschäftlichen ­Aspekten. Tantiemen, Publicity, das hab ich alles ­ausgelagert. Ich will kein Geschäftsmann sein.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie als Jazz­ikone auf dem Rolling-Stones-Album „Tattoo You“ spielten?

Das hat meine Frau eingefädelt. Sie mochte die Stones. Ich tat ihr den Gefallen unter der Bedingung, dass sie meinen Namen nicht aufs Cover schreiben. Es hat sich gut verkauft, soviel ich weiß.

Saxofonspielen ist eine sehr körperliche Sache. Was tun Sie, um das Altern zu verzögern?

So etwas sollten Menschen nicht anstreben. ­Besser wäre es, danach zu trachten, erleuchteter zu leben.