Flüchtlinge: Immer mehr Boatpeople stranden in Europa

(c) EPA (Stefanos Rapanis)

2008 stiegen die Flüchtlingszahlen rasant an. In Griechenland haben Asylsuchende oft nicht einmal Chancen auf negative Bescheide. Sie werden abgeschoben.

Wien/Rom/Patras. Endlich in Sicherheit. Endlich, nach Wochen, manchmal Monaten der Odyssee, die Möglichkeit, einen Asylantrag zu stellen. Für viele Flüchtlinge, die – zumeist auf kaum seetüchtigen Booten – Griechenland erreichen, ein fataler Trugschluss.

„Irakische Asylsuchende und Migranten werden in Griechenland systematisch festgenommen, unter schlechten Bedingungen in überfüllten Lagern inhaftiert und unter Gewaltanwendung heimlich in die Türkei abgeschoben“, schrieb die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ jüngst in einem Bericht.

Diese Flüchtlinge bekommen also nicht einmal die Chance auf einen abschlägigen Asylbescheid. Die renommierte NGO ist nicht alleine mit ihren Klagen über die Überforderung der griechischen Behörden: Immer wieder gebe es Berichte über sofortige Rückschiebungen, sagt der Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, Roland Schönbauer: „Die rechtliche Lage ist aber klar: Menschen in Seenot ist der erstbeste Hafen zur Verfügung zu stellen, um ihre gesundheitliche und rechtliche Situation zu prüfen.“



„Die rechtliche Lage ist

klar: Menschen in Seenot ist der erstbeste Hafen zur Verfügung zu stellen, um ihre gesundheitliche und rechtliche Situation zu prüfen.“

UNHCR-Sprecher Roland Schönbauer

Für Aufsehen sorgte kürzlich ein Anhaltelager auf der Insel Lesbos: Da die Behörden die miserablen hygienischen Bedingungen nicht verbesserten und die Kranken teilweise nur durch Gitterstäbe hindurch behandelt werden konnten, brachen „Ärzte ohne Grenzen“ ihren Einsatz dort ab. „Als wir gingen, waren 800 Menschen in dem Lager, das für maximal die Hälfte ausgelegt ist“, sagt Yorgos Karagiannis, Einsatzleiter der Organisation in Griechenland. Zwischenzeitlich seien sogar bis zu 1500 Personen dort eingepfercht gewesen: „Soweit wir informiert sind, ist die Lage noch immer kritisch“, berichtet Kargiannis.

2008 stiegen die Flüchtlingszahlen rasant an: „In allen europäischen Mittelmeerstaaten gibt es heuer mehr Boatpeople als im Vorjahr“, sagt Schönbauer: Bis November strandeten auf der italienischen Insel Lampedusa 27.660 (Vergleichszeitraum 2007: 11.795), im gesamten Italien 32.636 (19.501), in Griechenland 13.894 (7912). Doch nicht alle, die ein Boot besteigen, kommen an: Belegte Todesfälle auf der Überfahrt nach Italien und Malta gab es in den ersten zehn Monaten des heurigen Jahres 509, für den Mittelmeerraum schätzt Schönbauer die Zahl auf mehrere tausend.

„Italien ist doch nicht Somalia.“ Offenbar hält man es dieser Tage im italienischen Büro der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ für angezeigt, extra zu betonen, dass da ein Unterschied besteht zwischen dem gescheiterten Staat am Horn von Afrika und dem G8-Mitglied. In Somalia musste die Organisation wegen der unhaltbaren Sicherheitslage – mehrere Helfer wurden heuer getötet oder entführt – ihre Aktivitäten einschränken und eine Klinik in Mogadischu schließen. Und in Italien war man kürzlich gezwungen, nach sechs Jahren die medizinische Hilfe für Flüchtlinge auf Lampedusa, einem exponierten Flecken auf halbem Weg zwischen Sizilien und Nordafrika, einzustellen. Die Behörden verlängerten die Bewilligung nicht.

 

Retourkutsche Berlusconis

Begründung gab es keine, berichtet Loris de Filipi, Einsatzleiter in Italien: „Vielleicht eine Retourkutsche für unsere Kritik.“ Die Organisation hatte die Schlechterstellung von Flüchtlingen unter der Regierung Berlusconi beklagt. Insofern fügt sich die Verweigerung der Lizenz für „Ärzte ohne Grenzen“ ja in die Regierungspolitik. Schon einmal wurden die „Ärzte ohne Grenzen“ aus Lampedusa geworfen: 2004, nachdem sie die Zustände in Internierungsanstalten angeprangert hatten. Auch damals war Silvio Berlusconis Rechts-Bündnis an der Macht.

Die medizinischen Bedürfnisse der Flüchtlinge sind vielfältig: offene Wunden, Austrocknung durch Trinkwassermangel, Verbrennungen zweiten Grades nach tagelanger Bootsfahrt unter der sengenden Sonne, aber auch hypothermische Schocks, wenn der Körper in den kalten Nächten auf 35Grad abkühlt. „Wir wären heilfroh, wenn der Staat auf der Stelle die medizinische Betreuung übernehmen könnte“, sagt de Filipi. Das passiere jedoch nicht.

Ob Griechenland, Italien, oder die Grenze um die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla bei Marokko: Das Klima für Boatpeople in Europa wird rauer.