Die letzte Flamme

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Vom tschechischen Susice aus versorgten drei Generationen der Familie Fürth ganz Europa mit „Solo“-Zündhölzern. Ende des Jahres wird die Fabrik stillgelegt. Nachrichten aus dem Böhmerwald.

Noch steht sie da, die alte Schwedin. Viele Tonnen schwer und groß wie ein Einfamilienhaus. Noch brummt und zischt sie, rüttelt und stampft sie, dass der Boden in der riesigen Halle vibriert. Auf der einen Seite saugt sie Karton, Hölzchen und Chemikalien ein, auf der anderen Seite spuckt sie gefüllte Zündholzschachteln aus: 39.000 Schachteln zu je 43 Zündhölzern pro Stunde, 300.000 Schachteln pro Arbeitsschicht. Gebaut wurde das grüne Ungetüm 1980 von der schwedischen Firma „Arenco“, es ist heute noch auf dem letzten Stand der Technik. „Unser Mercedes“, lobt Manager Stanislav Bojanovsky fast zärtlich die Maschine und zeigt dann ins andere Eck der Halle: „Ein deutsches Fabrikat aus den Sechzigerjahren, nicht sehr zuverlässig – unter den Autos wäre das ein Trabant.“

Die Dritte im Bunde steht einen Stock tiefer, schwarz, ölig und veraltet: Die „Czerweny“, gebaut 1914 von der Firma Voith, St. Pölten, benannt nach dem österreichischen Ingenieur Viktor Czerweny, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Zündholzproduktion automatisierte. Das Wiener Technische Museum besitzt eine Maschine gleichen Typs. Jene in Susice aber „läuft heute noch ohne Probleme“, versichert Bojanovsky. Freilich nur noch bis Ende des Jahres. Am 31. Dezember 2008 werden die Motoren der schwedischen, der deutschen und der österreichischen Maschine ein für alle Mal abgeschaltet. Die Zündholzfabrik „Solo Sirkarna“ im böhmischen Susice sperrt zu. Schuld daran sind die starke tschechische Währung, die Exporte verteuert, und die ständig sinkende Nachfrage nach Zündhölzern in Europa: Lag der Verbrauch früher bei mindestens 1000 Zündhölzern pro Kopf und Jahr, sind es heute in den meisten EU-Staaten nicht einmal mehr 100. Für Länder mit ungebrochen großer Nachfrage aber können die Fabriken in Russland und Weißrussland, in China und Pakistan viel billiger produzieren.

Für Susice endet damit eine 170 Jahre lange Epoche der Zündholzerzeugung, die der einst unbedeutenden Kleinstadt zu Wohlstand und internationaler Bekanntheit verhalf. Die Marke „Solo“ mit dem Stempel „Made in Austria“ wurde in der Habsburgermonarchie, im Deutschen Reich, im britischen Empire verkauft. Jetzt sollen die alten Hallen abgerissen und die Maschinen, auch die „Czerweny“ von 1914, an Konkurrenzunternehmen verkauft werden.
Nur die Marke bleibt bestehen: „Solo“-Zündhölzer werden in Zukunft in Asien oder Russland produziert, aber weiterhin von Susice aus vertrieben. Denn „Solo“ stehe für tschechische Qualität, sagt Ingenieur Bojanovsky, und der heimische Markt verlange nach heimischen Zündhölzern. Was noch bleibt, sind dicke, graue Aktenordner mit uralten Verträgen, Rechnungen, Kundenlisten, vergilbten Fotos stolzer Arbeiter mit dicken Schnauzbärten und mit einer Fabrikchronik, die ein eifriger Mitarbeiter in den frühen Siebzigerjahren in seine realsozialistische Schreibmaschine tippte.
Stanislav Bojanovsky war bis Ende 2007 Generaldirektor von „Solo Sirkarna“, heute hat der 62-Jährige als Aufsichtsratspräsident mehr Zeit und möchte die Chronik vervollständigen. Und er möchte den von den Nazis 1939 enteigneten Besitzern ein Denkmal setzen. Denn der Name „Solo“ und die Erfolgsgeschichte der Zündholzerzeugung seien „untrennbar mit der Geschichte der Familie Fürth“ verbunden.
Gleich beim Fabrikseingang ließ Bojanovsky für Ernst Fürth, den letzten Generaldirektor aus der Familie, eine Gedenktafel anbringen, „als Anerkennung für seinen Beitrag zur erfolgreichen internationalen Entwicklung der Solo-Gesellschaft“. Eine ähnliche Tafel plant er für das ehemalige Wohnhaus der Fürths auf dem Hauptplatz. sNoch fehlt jedoch das Einverständnis der Handelsgesellschaft „Coop“, die das Haus heute besitzt und darin einen Supermarkt betreibt. „Coop“ ist die direkte Nachfolgerin der sozialistischen Handelsgesellschaft „Jednota“ (Einheit), die das Haus 1961 von den Fürths beschlagnahmen und die Enteignung durch einen Gerichtsbeschluss bestätigen ließ. Die Nachkommen der Fürths hätten gute Chancen gehabt, das Haus zurückzubekommen, meint Fabrikmanager Bojanovsky. Sie reagierten zu spät, mittlerweile ist die Frist für die Einbringung von Restitutionsklagen in der Tschechischen Republik abgelaufen.
Susice liegt im Südwesten Böhmens, auf halbem Weg zwischen der Kreisstadt Pilsen und der bayerischen Grenze. Zwischen Stadt und Grenze erstreckt sich der Nationalpark „Sumava“, und die 12.000-Einwohner-Gemeinde wirbt als „Tor zum Böhmerwald“ um Touristen. Doch der Fremdenverkehr bringt kaum Arbeitsplätze, viel wichtiger sind die großen Sägewerke, die Möbelindustrie und eine Fabrik für Holztüren. Vor der Industrialisierung war Schüttenhofen, so der deutsche Name von Susice, für die Goldgewinnung im Sand des Flusses Otava bekannt – und für seine Forellen, die sogar Kaiser Rudolf II. im fernen Prag auf den Teller bekam.

Im Jahr 1839 kehrte ein kleiner Handwerker namens Vojtech Scheinost aus der Residenzstadt Wien nach Schüttenhofen zurück und brachte die neueste Technologie zur Zündholzerzeugung mit. Scheinost tat sich mit dem jüdischen Industriellen Bernhard Fürth zusammen, der mit dem Verkauf von Gänsefedern nach Amerika (dort kamen Daunendecken gerade in Mode) ein Vermögen gemacht hatte. 1844 nahm die Zündholzfabrik von Fürth und Scheinost den Betrieb auf. Schon zwei Jahre später kam die Eisenbahn nach Schüttenhofen und mit ihr die Möglichkeit, große Mengen Streichhölzer in die gesamte Monarchie und ins Ausland zu transportieren.

Bernhard Fürths Söhne Simon und Daniel vereinigten 1903 mehrere Zündholzfabriken zur „Solo – Zündwaren- und Wichse-Fabriken Actien Gesellschaft“ mit Sitz in Wien. Außer in Schüttenhofen hatte „Solo“ nun Produktionsstätten im nahen Strakonitz (heute: Strakonice), in Linz, Stainz und Deutschlandsberg. Die steirischen Fabriken sind längst stillgelegt. In den Ortschroniken wird die Bedeutung der Zündholzproduktion zwar gerühmt, der Name Fürth jedoch verschwiegen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Geschäfte der „Solo“-Gesellschaft von Wien aus gesteuert, die Familie Fürth aber pendelte zwischen der Hauptstadt und der böhmischen Provinz und brachte ein wenig Glamour nach Susice. Staunend betrachteten die Susicer den ersten Tennisplatz. Ein Arbeiter der Zündholzfabrik erzählte noch im hohen Alter, wie er als Bub bei den Fürths Tennisbälle aufheben durfte und als Lohn im herrschaftlichen Haus „eine ordentliche Jause“ bekam.

Daniel Fürth muss ein jähzorniger, aber beeindruckender Unternehmer gewesen sein, der am industriellen Fortschritt ebenso wie an der humanistischen Bildung seiner Kinder und an sozialen Verbesserungen für seine Arbeiter interessiert war. Als eine der ersten Fabriken in der Monarchie führte „Solo“ Unfallversicherungen für die Arbeiter ein. Nach Daniels Tod konnte seine Enkelin Eva mit 22 Jahren gleich neben der Fabrik ein Sozialzentrum für die Arbeiter und ihre Familien gründen und leiten. Kurz vor ihrem Tod im Dezember 2003 schrieb Eva Perl ihre Erinnerungen an Susice nieder, in denen sie die Arbeit im „Fürsorgehaus“ als „die wichtigste Aktivität meines Lebens“ bezeichnet. Das Fürsorgehaus überlebte Nationalsozialismus und Kommunismus und wurde erst nach der Wende geschlossen. Heute ist der imposante Bau aus den Dreißigerjahren dem Verfall preisgegeben.

Daniels älterer Sohn, Julius, wurde Arzt in Wien und kaufte 1895 ein Sanatorium in der Schmidgasse 14, hinter dem Rathaus. 1938 wurde das Haus von den Nationalsozialisten enteignet, Julius' Sohn Lothar und seine Frau nahmen sich kurz nach dem Einmarsch das Leben. Nach dem Krieg vermietete die Republik Österreich das Sanatorium an die amerikanische Botschaft und gab es erst vor zwei Jahren an die Erben der Fürths zurück („Spectrum“ vom 24. März 2007).
Daniels jüngster Sohn, Ernst, studierte Chemie, kaufte Anteile am neuen Dianabad in der Wiener Leopoldstadt und übernahm den väterlichen Betrieb, den er nach Ende des Ersten Weltkriegs ganz neu organisieren musste. Die ehemalige Aktiengesellschaft wurde in mehrere Firmen in den Nachfolgestaaten der Monarchie aufgeteilt, die aber alle unter der Leitung von Fürth standen.
Den Übernahmeversuch des gefürchteten schwedischen „Streichholzkönigs“ Ivar Kreuger konnte Ernst Fürth Anfang der Dreißigerjahre noch abwehren. Nach Hitlers Einmarsch in Österreich und der Annexion der Sudetengebiete verstanden die Fürths aber schnell, dass nur die Emigration ihr Leben retten konnte. Einigen Familienmitgliedern gelang Anfang 1939 die Flucht aus Österreich und Ungarn in die Schweiz – und von dort in die Vereinigten Staaten. Die Zündholzfabrik wurde in einen deutschen Industriekonzern eingegliedert. Die Juden aus Susice wurden am 27. November 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und von dort weiter in die Vernichtungslager in Polen.

Ernst Fürth blieb mit seiner zweiten Frau in Frankreich. Zuerst hoffte er, dass Hitler den Krieg schnell verlieren würde, später konnte er das Land nicht mehr verlassen. Im Oktober 1942 wurde der 78-Jährige ins Konzentrationslager Drancy gebracht. Im Dezember kam er wieder frei (über die Hintergründe rätselt die Familie bis heute), starb aber einen Monat später an den Folgen des Lageraufenthalts. Seine im US-Bundesstaat Massachusetts lebende Enkelin Marietta Pritchard hat in einem 230 Seiten starken Manuskript die Geschichte der Flucht festgehalten. Bis jetzt hat sie jedoch weder in den USA noch in Österreich einen Verleger für die Familiengeschichte gefunden.

Ein Jahr nach der Wende kamen die Fürths zum ersten Mal nach ihrer Vertreibung zurück nach Susice. Der Empfang war herzlich. In der Fabrik mussten Ernst Fürths Tochter, Eva Perl, mit ihren Kindern Doris und Marietta als Zeichen der Freundschaft um 9 Uhr früh mit der Werksleitung Becherovka-Likör trinken, wie sich Marietta Pritchard heute noch gut erinnert. Am meisten wunderte sie damals, „dass nach sieben Jahren deutscher Okkupation und 40 Jahren Kommunismus alle in der Stadt noch den Namen Fürth kannten“. Die Rückgabe der Fabrik war für die Familie kein Thema.

Sieben Jahre später nimmt Marietta in Susice an einer Gedenkzeremonie für den in Frankreich begrabenen Ernst Fürth teil. Sie sucht das Grab von Fabrikgründer Bernhard Fürth auf dem alten jüdischen Friedhof, doch die Inschriften auf den Grabsteinen sind nicht mehr lesbar. Dafür findet sie die Gräber von Daniel Fürth und seiner Frau, Marie, auf dem neuen jüdischen Friedhof, oberhalb der Altstadt. 1998 gehört „Solo Sirkarna“ einer tschechischen Gesellschaft mit Sitz in Brünn, und das Ende der Zündholzproduktion ist absehbar. Der Überlebenskampf der Fabrik dauert dennoch weitere zehn Jahre.s In ihren besten Zeiten gab die Fabrik fast 2000 Menschen Arbeit, heute beschäftigt sie 88 Mitarbeiter, zum Großteil ungelernte Frauen, die rund 350 Euro netto verdienen. Einige von ihnen können kommenden Jänner in die benachbarte Türenfabrik „Solo Doors“ wechseln. Bis zum letzten Arbeitstag im Dezember sollen die Maschinen auf Hochtouren laufen. Produziert werden Zündholzschachteln für deutsche Kaufhäuser. Jüngst lieferte man auch dem rumänischen Wahlkampf zu: Friedlich vereint rutschten Packungen mit den Gesichtern sozialistischer, liberaler und nationalistischer Kandidaten vom Fließband der brummenden und zischenden „Arenco“.
Im Stadtmuseum von Susice ist den alten Zündholzschachteln eine ganze Abteilung gewidmet. Nebeneinander finden sich da indische Maharadschas, europäische Könige, Zirkusmotive oder tanzenden Mädchen. Es gibt „Damen-Hölzchen“ und „Salon-Hölzchen mit Wohlgeruch in bunten Farben“, alle produziert von „B. Fürth, Vienna“. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Susicke Noviny“ (Nachrichten aus Susice) fordert eine Senatorin aus dem Böhmerwald die radikale Erweiterung der Sammlung und den Umzug in ein größeres Gebäude. Denn in Susice müsse die Zündholztradition „auf ewig“ erhalten bleiben. Keine schlechte Idee, findet der pensionierte Fabrikleiter, Stanislav Bojanovsky: „Aber wer wird dafür schon Geld ausgeben?“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2008)