Mit reichem, vollem Schwalle

Sinnliches, Übersinnliches, Besinnliches: poetische und praktische Bilderbücher, Zeitgeschichte und Philosophie, leicht verständlich aufbereitet – eine Auswahl neuer Kinder-und Jugendbücher.

„mutter gesagt / sterne ausschneiden / nacht geworden / schere genommen / stern geschnitten / stern verschwunden / wehgetan / daumen gefunden.“ Dieses Buch verhöhnt alle Rechtschreibreformen. Egal, Ernst Jandls Gedichte sind allzu köstlich. Er erzählt vom Faulsein, von Familienfotos, seiner Frisur und Ottos berühmtem kotzenden Mops: „ogottogott“. Erhard Dietl schuf die Farbradierungen, die Jandls Verse ergänzen: Die Amaryllis in „blumenbein“ trägt einen gelben Schuh – und warum sind Otto und sein Mops entzweit? Ganz klar, Ottos Katzen-T-Shirt erbost den Mops. Ottos Mops hopst. Ab 5 Jahren (32 S., Pb., €15,40; cbj Verlag, München).

Ein Wal in der Badewanne.„Am 1. Juni war er so groß wie ein Schwein, am 2. so groß wie ein Kalb, am 3. wie ein Pferd und in der Nacht von 3. auf den 4. Juni wuchs der Dunkelblaue so ungeheuerlich, dass er so groß wie ein Elefant war.“ Jan fängt in der Elbe einen ungewöhnlichen Fisch. Er hält ihn in der Badewanne. Doch es handelt sich um einen Wal. Jans Vater erlaubt seinem Sohn, den Wal in den Wasserturm zu setzen, doch auch der ist bald zu klein. Ein Hubschrauber muss kommen, um den Wal ins Meer zurück zu befördern. Der Wal im Wasserturm von Rüdiger Stoye. Ab 4 Jahren (32 S, Pb., €14,20; Moritz Verlag, Frankfurt/Main).

Lieber Katze als Geschwisterchen.„Sooo dick ist der Bauch doch gar nicht! Da passt ja gar kein Baby rein. Allerhöchstens eine kleine Katze, und dagegen hätte Helli nichts einzuwenden.“ Doch leider, es ist ein neues Kind, das da wächst, und Helli gefällt das nicht. Mit einemBaby kann man nichts anfangen, es stinkt, schreit, macht Unsinn und zieht die Katze am Schwanz. Doch als Helli das Neugeborene, das aussieht wie ein runzliger, „kleiner Opi“, im Arm hält, hat sie plötzlich „ein seltsames warmes Gefühl im Bauch“. Bleib bloß da drin! von Sibylle, Jürgen Rieckhoff (32 S., geb., €13,30; Thienemann Verlag, Stuttgart).

Die Magie der Poesie.„Walle, walle, manche Strecke, dass zum Zwecke Wasser fließe und mit reichem, vollem Schwalle, zu dem Bade sich ergieße.“ Der Kindermann Verlag hat höchst originell illustrierte Bilderbücher zu klassischen Balladen herausgebracht, mit witzigem Zugang: Zum Beispiel ist der Zauberer in Goethes „Zauberlehrling“ kein grantiger Magier, sondern ein, wie man heute sagen würde, cooler Wissenschaftler mit schlauer Miene und spitzem Hut. Der Ritter Delorges hingegen in Schillers „Handschuh“ hat mit wahrhaft grimmigen Wildkatzen zu kämpfen. „Und dann und wann ein weißer Elefant“ – vom bekanntesten Tier in Rilkes „Karussell“ sieht man zunächst nur den Allerwertesten. Reihe Poesie für Kinder. Ab 7 Jahren. Der Zauberlehrling (Goethe) von Sabine Wilharm. Der Handschuh (Schiller) von Jacky Gleich. Das Karussell (Rilke) von Isabel Pin (Alle 24S., Pb., €14,50; Kindermann Verlag, Berlin).

Goldstücke für die Schusterbuben.„Auch der Ochse wollte nicht als Sonntagsbraten seines Herren enden. Er rannte davon, so schnell ihn seine Beine trugen.“ Bauer Josef lädt Gäste ein. Eines seiner Tiere muss dran glauben. Doch alle laufen davon und finden sich im Wald zusammen. Als aber der Winter kommt, muss eine Lösung gefunden werden. Wohin? Die Britin Caitlin Matthews hat „Kamin-Geschichten“ gesammelt, jüdische, russische, schottische, kanadische, tschechische. Von der faulen Maruscha und der fleißigen Holena, von den Heiligen Drei Königen, die bei der alten Babuschka einkehren, oder vom armen Schuster und seinen drei Buben, die vom Zwergen-Herrscher erst gequält, dann mit Goldstücken überschüttet werden. Geschichten für den Winterabend. Illustriert von Helen Cann. Ab 6 Jahren (96S., Pb., €13,30; Pattloch Verlag, München).

Streifzug durch die Bibel.„,Fürchtet euch nicht!‘, sagte der Engel: ,Ich verkündige euch große Freude. Heute ist in Bethlehem allen Menschen der Heiland geboren, Christus, der Herr!‘“. Damit der Sinn von Weihnachten vom Kommerz nicht ganz verdunkelt wird, ist diese schöne, konventionell illustrierte und die Geschichten darlegende Kinderbibel zu empfehlen. Von der Schöpfungsgeschichte bis zum Tod Christi, aber auch von Petrus, Paulus, Johannes. Die große Kinderbibel von Barbara Bartos-Höppner und Renate Seelig. Ab 4 Jahren (168S., Ln., €25,70; arsedition, München).

Evergreen Delfine.„Da sitze ich in der Dunkelheit. Die Angst beginnt an mir hoch zu kriechen wie kalter, feuchter Nebel. Tränen steigen mir in die Augen. Was werden Mama und Papa machen, wenn sie mich nach dem Aufwachen nicht in meinem Bett finden?“. Katha und ihre Eltern machen Insel-Ferien. Irgendetwas stimmt dort nicht. Vor der Terrasse findet Katha eine wundersame Pfeife, plötzlich hört sie die Tiere sprechen. Eine Unke hat die Insel verhext. Nur alle 40 Jahre kann ein Kind in einer Vollmondnacht die Unke besiegen. Katha soll zur Unke hinab tauchen. Doch sie ist total wasserscheu. Es gibt Eltern, die von Wasserabenteuern schon die Nase voll haben, Kinder scheinen sie zu „verschlingen“. Das Geheimnis des Wasserritters von Rusalka Reh. Illustriert von Eva Schöffmann-Davidov. Ab 8 Jahren (128S., geb., €10,20; Oetinger Verlag, Hamburg).

Mädchen liebt Weihnachtsmann.„,Ich liebe ihn‘, sagt meine Schwester und malt die Mütze des Weihnachtsmannes rot: ,Wenn ich groß bin, werde ich die Geschenke mit dem Weihnachtsmann zusammen austragen. Ich werde seine Rentiere füttern und Kakao für die Zwerge kochen‘.“ Der achtjährige Zoran hat noch andere Probleme als seine seltsame Schwester: Sein Vater liebt eine andere Frau. Er ist ausgezogen, die Mutter ist sehr unglücklich. Zoran beschließt wegzulaufen. Acht ungewöhnliche, skurrile, katastrophale und berührende Geschichten über das große Fest. Die Nacht, in der meine Schwester den Weihnachtsmann entführte von Zoran Drvenkar. Ab 10 Jahren (260 S., ,geb., €14,40; Carlsen Verlag, Hamburg).

Jungs in der Pubertät.„Johann legte sein Handy auf die Fensterbank und starrte in den Vorgarten. Er stand unter Schock. Nicks Vater tot. Vor wenigen Tagen hatte er ihn noch im Fotoshop getroffen. Strahlend, schick wie immer. Tot.“ Seit ewigen Zeiten sind Johann, Nick, Marc und Florian Freunde. Nicht nur die Pubertät macht ihnen zu schaffen. Johann wird von einer verheirateten Frau verführt. Nick muss Verantwortung für Mutter und Schwester übernehmen, nachdem der Vater, ein erfolgreicher Chirurg, bei einem Autounfall starb. Marc verliebt sich in ein wildes Mädchen aus Amsterdam. Handelt sie mit Drogen? Und Florian will sich nach der Trennung der Eltern umbringen. Einfühlsames Buch für Burschen, auf die Verlage speziell Jagd machen, weil sie – außer Fantasy – ungern lesen. Never alone von Ute Wegmann. Ab 13 Jahren (320S., brosch., €9,20; dtv, München).

Philosophie, kurz und prägnant.„Wahres besteht im Wissen um die Ideen. Ideen sind ewig und unabänderlich. Sie sind Vorbild und eine Art Bauplan für alles, was einem begegnet.“ Wer spricht da, einige Zeit vor Christus, wie ein Genforscher von einem Bauplan? Es ist der Philosoph Platon. Freilich, Philosophie gilt, trotz „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder, als nicht leicht zugänglich. „WissensWelten Philosophie“ versucht das schwierige Thema übersichtlich, knapp und farbenfroh in den Griff zu kriegen. Nicht nur Denkmodelle werden erklärt, auch das politische und soziale Umfeld von der Antike bis zum vernetzten Denken heute. WissensWelten Philosophie von Thomas Ebers, Markus Melchers, Gudrun Pawelke. Ab 14 Jahren (32 S., Pb., €25,60; Hanser Verlag, München).

Sippenhaft in der NS-Zeit.„,Retten, was zu retten ist!‘, geht mir durch den Kopf. Als könne sie meine Gedanken lesen, fragt Mutter: ,Philippa, warum bist du zurückgekommen?‘“ Philippa (14), Fritzi genannt, hat sich hübsch gemacht für das Wiedersehen mit ihrer Mutter nach der kriegsbedingten Kinderland-Verschickung im Zweiten Weltkrieg. Doch die Mutter freut sich nicht, ihre Tochter zu sehen. Berlin ist zerbombt, der Sohn gefallen, die Mutter führt geheimnisvolle Telefonate und beherbergt ein Flüchtlingskind aus der Ukraine. Fritzi versteht die Welt nicht mehr. Sie verehrt den Führer. Anne C. Voorhoeve erzählt leicht verschlüsselt die Geschichte der Familie Stauffenberg. Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907 bis 1944) führte das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 aus. Das Buch ist nicht zuletzt wegen der Schilderung der Rolle des deutschen Adels im Dritten Reich interessant. Einundzwanzigster Juli. Für junge Erwachsene (352 S., geb., €15,37; Ravensburger Verlag, Ravensburg). ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2008)

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