Neues aus der Rollbalkendiktatur

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Während tausende Arbeitnehmer vor dem Verlust ihrer Jobs stehen, dürfen zahlungskräftige Touristen in der Wiener Innenstadt ihr Geld nicht loswerden. Der ganz normale Alltag im Land des Ladenschlusses.

Vor ziemlich genau einem Jahr sorgte der Handelsriese Billa für jede Menge Aufregung: Die Tochter des deutschen Lebensmittelkonzerns Rewe ließ am 8.Dezember die Rollbalken unten– freiwillig. Der Marienfeiertag ist zwar einer der stärksten Einkaufstage des Jahres, doch Umsatz ist eben nicht alles. Billa stellte diesen Tag seinen Mitarbeitern zur Verfügung – gerade in dieser hektischen Zeit sei ein Tag der Ruhe die notwendige Antwort, so die Begründung. Wie nett.

Weil sich die Aktion bewährt hat, wird sie heuer wiederholt. Was wiederum am Freitag eine renommierte österreichische Hochschule veranlasste, via Aussendung eine Lobeshymne auf den „menschlichen“ Handelsriesen zu singen. Sechs namhafte Professoren begründeten ihre Solidaritätsbekundung damit, dass Billa einen Schritt in die richtige Richtung setze. „Ein Zeichen zum Innehalten in der Beschleunigung und Flexibilisierung von Arbeits- und Öffnungszeiten.“

Konsum als Geißel der Neuzeit?

Die Aussendung kommt nicht etwa von einer theologischen Fakultät, sondern von Professoren der Wirtschaftsuniversität Wien (WU). Und weil es ja um Wirtschaft geht, wurde das Lob für Billa auch mit „ökonomischen Argumenten“ unterfüttert. Das liest sich dann wörtlich so: „Die Leistungsbereitschaft braucht Ruhezonen. Diese Ruhezonen sind ein öffentliches Gut, welches von den Trittbrettfahrern der Ladenöffnung gefährdet wird.“ Und weiter: „Konsum ist die Kehrseite der Arbeit. Nicht nur bedeutet Konsum der einen immer Arbeit für andere, für viele ist Konsum mittlerweile zur freilich unbezahlten Arbeit geworden.“

Nun spricht freilich nichts dagegen, wenn Hochschulprofessoren einer Wirtschaftsuniversität es für eine tolle Sache halten, dass am 8.Dezember die Geschäfte geschlossen bleiben. Wie auch nichts dagegen einzuwenden ist, wenn Unternehmen meinen, ihren Beschäftigten einen Tag der Ruhe zu gönnen. Warum Rewe am 8.Dezember nur den Billa-Beschäftigten freigibt, während die Kollegen in den (ebenfalls zu Rewe gehörenden) Merkur-, Penny- und Bipa-Läden „schuften“ müssen, zählt zu den Geheimnissen höherer Konzernpolitik.

Niemand muss sein Geschäft offen halten – aber jeder sollte das Recht haben, aufsperren zu dürfen. Eine Freiheit, für die dieses Land noch nicht reif zu sein scheint. Hierzulande müssen sich Unternehmer, die aufsperren wollen, selbst von Professoren einer Wirtschaftsuniversität in bester Oskar-Lafontaine-Rhetorik als Sklaventreiber punzieren lassen.

Das Kreuz mit der Freiheit

Offensichtlich ist an der WU noch niemand auf die Idee gekommen, dass freie Öffnungszeiten mit einer 38-Stunden-und-fünf-Tage-Woche durchaus zu vereinbaren sind. Es könnte zudem sein, dass einige Billa-Mitarbeiter gerne auf den „Tag der Ruhe“ verzichtet hätten, um mit 100-Prozent-Zuschlägen ihren höchst bescheidenen Lohn ein wenig aufzubessern. Während in ganz Europa Unternehmen und Gewerkschaften darüber entscheiden dürfen, wann aufgesperrt wird, dreht in Österreichs Läden noch immer der Gesetzgeber das Licht ab. Mittlerweile gelten zwischen Wien und Bregenz strengere Ladenschlusszeiten als zwischen Pjöngjang und Peking – und das im Jahr 2008. An 72 Stunden in der Woche erlaubt Papa Staat seinen Kindern, zwischen Montag und Samstag einzukaufen. In der heiligen Stadt Rom darf am Sonntag und selbst zu Allerheiligen aufsperren, wer will.

Dazu passt, dass Österreich an der Schwelle einer schweren Wirtschaftskrise steht, in der tausende Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren werden – und gleichzeitig tausende Touristen am Sonntag ihr Geld in der Wiener Innenstadt nicht loswerden dürfen, weil die Geschäfte geschlossen bleiben müssen. Ein Luxus der etwas anderen Art. Laut einer Gallup-Umfrage aus dem Jahr 2006 würden immerhin zwei Millionen Gäste in Wien am Sonntag einkaufen.

Unternehmer fürs Zusperren

Dass sie das nicht dürfen, ist am allerwenigsten den Gewerkschaften anzulasten. Vielmehr ist es die oberste Unternehmervertretung namens Wirtschaftskammer, die an vorderster Front gegen das Aufsperren von Geschäften in der Wiener Innenstadt kämpft. Offiziell verweist die Wirtschaftskammer auf die Stadt Wien, die den ersten Bezirk kurzerhand zur Tourismuszone erklären könnte. Womit es den Geschäftsleuten offenstünde, auch sonntags aufzusperren. Die Stadt Wien spielt den Ball wiederum geschickt zur Wirtschaft zurück, die ohnehin kein Interesse habe, Geschäfte zu machen – weshalb der Gesetzgeber untätig bleibe und die Wiener Innenstadt eben alles, nur keine Tourismuszone sei. Verstehe das, wer will.

Das gerne bemühte Argument, wonach die Kleinbetriebe mit den strengen Ladenschlusszeiten vor den übermächtigen Handelsketten geschützt werden sollen, wird es wohl nicht sein können. Schließlich verfügt Österreich nicht nur über die strengsten Ladenschlusszeiten, sondern auch über eine der weltweit höchsten Handelskonzentrationen.

Ein Recht auf Sonntagsruhe

Wenn Kaufleute am 8.Dezember geschlossen halten wollen und zudem ihre Sonntagsruhe einfordern, sollte ihnen niemand in diesem Land dieses Recht absprechen. Genauso wenig sollten allerdings auch diese Geschäftsleute allerdings (mit kräftiger Unterstützung der Wirtschaftskammer) ihre Konkurrenten daran hindern, ihren Geschäften nachzugehen, wenn sie dies für richtig halten.


franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2008)

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