Die schwarzen Löcher des ORF

Das schlanke Maßnahmenpaket von Generaldirektor Alexander Wrabetz bleibt vorerst im Keller.

Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr nichts?, frage ich mich jedes Jahr im Spätherbst, wenn ich unter dem Gerümpel unseres kleinen und dennoch unübersichtlichen Kellers die Winterreifen suche. Das ist eine unangenehme metaphysische Situation, die ich nur unter schweren Hiobs-Flüchen bereinige, aber es könnte noch schlimmer kommen.

Die Reifen könnten weg sein, und nur das Gerümpel wäre dort.

An diesen extremen Zustand musste ich denken, als ich erfuhr, dass ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz erstmals nach zwei Jahren Reformeifer über der Erde in den Keller seines Sendezentrums stieg, um zu sondieren, ob sich unter dem Zeichen des Regenbogens vielleicht ein wenig Sperrmüll angesammelt habe, und dabei draufkam, dass es unter dem Küniglberg sogar weniger als nichts geben kann. Weg sind 2009 die Champions League, die Kultursekunden in der ZiB, die Formel 1 und die vielen bunten Blumen für die kreative heimische Filmindustrie, geblieben sind die beachtlichen Gebühren, der Musikantenstadl, die riesigen Werbeblöcke und die Belangsendungen der Provinzpolitiker in ihren Landesstudioschnecken – lauter Defizite also aus Sicht selektiver Konsumenten.

Weniger als nichts ist nämlich möglich in der virtuellen Realität. Topmanager versprechen dann, sie werden vielleicht auf einen Teil ihres Bonus verzichten, in der Physik heißt es vielleicht, man sei auf Antimaterie gestoßen, aber diese Diskussion würde den Raum der Kolumne sprengen.

Es hätte nicht schlimmer kommen können, dachte ich also, als ich im Keller Snowboards und Planschbecken beiseite schaufelte, um vier leere Alufelgen zu entdecken, der Super-Alex muss jetzt in mageren Zeiten nachholen, was er in fetten Zeiten versäumte. Er muss das Gerümpel beseitigen, um die wirklichen Wertstoffe des öffentlich-rechtlichen Auftrages zu finden. Er sucht nach brauchbarer Materie, um den Betrieb des ORF-Universums aufrechtzuerhalten.

Gefunden hat er aber schwarze Löcher. Das schlanke Maßnahmenpaket des Generals, das auf einen Merkzettel für eine Betriebsversammlung in der Starmania-Kulisse gepasst hätte, bleibt vorerst im Keller. Sagen wir halt, es war nichts.

Manche Gewölbe nämlich sind so verwinkelt, dass nur noch der Einsatz von Professionisten hilft. Warum ist überhaupt ORF2 und nicht vielmehr nur ORF1? Wäre es nicht besser, die Parteien und ihre Parteibuchmanager verließen den ORF und machten ihr Parteiprogramm auf Kanälen des freien Marktes? Übrig bliebe ein unabhängiger ORF, dessen Programm allein die Gebührenzahler regelten.

Ich habe die Winterreifen schließlich doch noch gefunden – im Gartenhaus. Das Chaos im Kellerloch lasse ich von Fachleuten ordnen. Hilft das nichts, werde ich entsorgen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2008)

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