Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Die Sklavinnen von Sibiu

Arbeitszeit: knapp 12 Stunden am Tag, sechs Mal die Woche. 80 Überstunden im Monat, unbezahlt. Und kein Rückflugticket. Die Geschichte einer philippinischen Gastarbeiterin in Hermannstadt, Siebenbürgen.

Die philippinischen Näherinnen der Bekleidungsfirma Mondostar sind im rumänischen Hermannstadt (Sibiu) ins Gerede gekommen. In Manila angeworben, traten sie die lange und teure Reise nach Rumänien an, um hier für eine bessere Zukunft zu arbeiten. Versprochen wurde ihnen viel, gehalten wurde wenig.

Heute ist Chas Tag. Oder auch nicht. Nach zähem Hin und Her zwischen Firmenleitung und Arbeiterinnen, begleitet von diplomatischen Interventionen, konnten Cha und ihre Kolleginnen heute endlich aus dem Vertrag mit der Firma Mondostar aussteigen und die Vertragsauflösung unterschreiben. Sie heißt nicht wirklich Cha, aber sie hat Angst vor dem langen Arm der Firma und möchte lieber anonym bleiben. Cha gehörte der dritten Tranche philippinischer Arbeiterinnen an, die Anfang Mai nach Hermannstadt gekommen waren. Ein Jahr musste sie warten, bis die Papiere zur Ausreise fertig waren und ein Traum in Erfüllung gehen sollte: Arbeiten in Europa. Sie bezahlte etwa 2500 Dollar für die Anwerbung und den Transfer durch eine Agentur in Manila. Um diese für philippinische Verhältnisse exorbitante Summe aufzubringen, musste Cha wie viele ihrer Kolleginnen einen Kredit aufnehmen. Sie unterzeichnete noch vor Ort in Manila einen Vertrag, der ihr 400 Dollar pro Monat und 100 Prozent Überstunden-Zuschlag zusicherte, Kost und Logis inklusive. In Rumänien angekommen, mussten sie neuerlich einen Vertrag unterzeichnen, in dem eine 70-Dollar-Reduktion für die Unterbringung und weitere Abschläge für Essen und Krankenversicherung festgehalten wurden. In den Philippinen wurden sie über diese Abschläge naturgemäß nicht informiert. Als Cha im Juni ihren ersten Lohn erhielt, staunte sie nicht schlecht: Die Überstunden waren nicht bezahlt worden, ihr blieben 250 Dollar pro Monat. Im Juli und August wurden aus den 250 Dollar noch weniger. Das letzte Gehalt im September lag bei 154 Dollar, 390 RON (Rumänische Lei), nachdem sie und ihre Kolleginnen sich geweigert hatten, weiterhin unbezahlte Überstunden zu leisten.

Zu Beginn arbeiteten sie von halb sieben Uhr in der Früh bis sechs Uhr abends, Samstags eingeschlossen. An die 80 unbezahlte Überstunden pro Monat. Die Anzüge, die die Arbeiterinnen nähen, werden für Firmen wie Strellson (Sitz in der Schweiz) oder Leineweber (Berlin) zum Export in die EU hergestellt. 280 hochwertige Anzugshosen mit Nadelstreifen und 400 Hosen ohne Streifen beziehungsweise 300 Sakkos stellt Cha mit ihrer Gruppe von 43 Näherinnen pro Tag her. Cha begann mit 21 Jahren im Ausland zu arbeiten, sie war bereits in Taiwan oder Namibia, aber das hier sei das Schlimmste, was sie je erlebt habe. Hermannstadt und seine Bewohner gefallen ihr, meint die junge Frau, sie habe schon viele Freunde hier gefunden, allein die Firma Mondostar sei das eigentliche Übel.

Auf der Homepage von Mondostar verweist man stolz auf den steilen Aufstieg der Firma und die steigenden Direktinvestitionen schweizerischer und deutscher Unternehmen: „Heute verfügt die Firma Mondostar über eine monatliche Kapazität von zirka 80.000 Teilen, ein Personal von 1.100 Angestellten und ein Kundenportfolio mit einer internationalen Resonanz.“ Die Arbeiterinnen wie Cha haben wenig von der glänzenden Geschäftsentwicklung, viele haben Probleme mit dem Magen, weil das Essen derart schlecht ist. Seit sie hierher gekommen ist, wurde das Mittagsmenü, das völlig unregelmäßig und oft erst um ein oder zwei Uhr ausgeliefert wird, noch nie ausgetauscht. Der Reis sei kalt, und manchmal würden sie gar nichts zu Mittag essen, weil sie es nicht mehr aushielten. Als eine ihrer Kolleginnen nach Manila zurückgekehrt ist, haben sie ihre Verwandten kaum wiedererkannt, so abgemagert sei sie gewesen, sagt Cha lachend. Das könnte vielleicht eine Geschäftsidee für garantiert erfolgreiche Abmagerungskuren für Philippininnen sein: Sie brauchen nur bei der rumänischen Firma Mondostar anheuern.

 

Personalausweis eingezogen

Das Schlimmste ist, dass ihnen verboten ist, Essen in ihre kleinen Schlafkojen mit acht Personen pro Zimmer mitzunehmen, um sich ihr eigenes Süppchen zu kochen, weil die Firma in diesem Fall hohe Auflagen im sanitären und gesundheitlichen Bereich erfüllen und in der Folge Investitionen tätigen müsste. Eine weitere Infamie der Firmenleitung betrifft die Arbeitspausen: Außerhalb der regulären Mittagspausen ist es den Arbeiterinnen nicht gestattet, die Toilette aufzusuchen, weswegen viele von ihnen abgeschnittene Zwei-Liter-Plastikflaschen verwenden.

Im September haben die Arbeiterinnen beschlossen, aus dem unwürdigen Vertrag auszusteigen und in ihre Heimat zurückzukehren, obwohl die Firma sie nicht so ohne Weiteres gehen lassen wollte. Schließlich war es so weit, und die Arbeiterinnen unterschrieben unter Polizeibegleitung den Ausstieg aus dem Vertrag. Dabei zwang sie die Firma vor den Augen der Polizei, ein weiteres Papier zu unterschreiben, das ihnen verbietet, bei einer anderen rumänischen Firma anzuheuern. Der rumänische Personalausweis, der ihnen bis Mitte des Jahres 2009 Visum und Arbeitserlaubnis zusicherte, wurde eingezogen, sie haben 30 Tage, um Rumänien zu verlassen, andernfalls landen sie im Gefängnis. Wie Cha je ihren in Manila aufgenommenen Kredit zurückzahlen soll, kümmert niemanden; die rumänischen Behörden hätten den Arbeiterinnen doch immerhin eine Aufenthaltserlaubnis erteilen können, um die bereits bewilligte Arbeitsgenehmigung bei einer anderen Firma anwenden zu können. Mitnichten, auf Solidarität seitens der Behörden wartet Cha vergeblich. „Ich habe bereits bei einer anderen Firma einen Vertrag unterschrieben“, sagt Cha zerknirscht, „aber es ist zu spät. Sie haben uns schon die rumänischen Personalausweise abgenommen.“ Die Firma hätte ihr 300 Euro geboten, was sie sofort angenommen hätte. Und Arbeitsplätze im Billiglohnsektor dürfte es in Rumänien zuhauf geben, hat doch Präsident Basescu bei seinem jüngsten Besuch in Rom zum Anlass der feierlichen Eröffnung einer rumänisch-orthodoxen Kirche seine rumänischen Landsleute aufgerufen, in ihre Heimat zurückzukehren, weil sie beim Aufbau der rumänischen Wirtschaft dringend gebraucht würden. Doch um diesen Hungerlohn will (und kann) kein Rumäne arbeiten.

Seitdem die Arbeiterinnen sich weigern, Überstunden zu machen, haben sie mehr Zeit für sich. „Wir müssen hinausgehen, sonst zerspringt uns der Kopf“, sagt Cha und hält sich die Hände an die Schläfen. „Als wir nach zwei Monaten unbezahlter Überstunden nur noch acht Stunden arbeiteten, gingen wir in den Park oder ins Internetcafé, machten Spaziergänge durch die Stadt, worauf uns einer der Chefs der Firma fragte, ob wir etwa als Touristen hierher gekommen seien.“

Als das Management der Fabrik Mondostar von den Abwanderungsgerüchten seiner Näherinnen erfuhr, machte es ihnen ein neues Angebot. Es versprach hoch und heilig, in Zukunft die Überstunden zu bezahlen. Die Näherinnen glaubten ihnen nicht und fragten, warum sie ihnen nicht die bereits geleisteten Überstunden bezahlten, worauf einer der Manager geantwortet haben soll: „Vergesst die Vergangenheit, schaut in die Zukunft!“ Während der Verhandlungen über eine mögliche Erneuerung des Vertrages mit minimalen Verbesserungen argumentierte das Management immer damit, dass die Arbeiterinnen doch gar kein Rückflugticket hätten, sie sollten besser hierbleiben und weiterarbeiten. Somit wurde klar, dass die Arbeiterinnen durch die Vorenthaltung des Rückflugtickets geradezu erpresst wurden zu bleiben.

 

Zukunft: ungewiss

Chas Zukunft indes ist ungewiss. Sie weiß nicht, wann sie die Firma verlassen kann. Die Firma lässt sie untertags nicht von dem Fabriksgelände, der Portier am Eingangstor ist angewiesen, sie nicht passieren zu lassen. Morgen soll jedenfalls ein Bus kommen, der die erste Gruppe der Näherinnen quasi bei Nacht und Nebel zur philippinischen Botschaft in Bukarest bringen soll. Sie wissen nichts Näheres, und die Firma hat großes Interesse, nicht zu viel Wirbel um ihren Abgang entstehen zu lassen. Der Fall der Firma Mondostar wurde längst auf diplomatischer Ebene verhandelt, und die Regierung der Philippinen hat für die Arbeiterinnen Flugtickets bereitgestellt, denn die Agentur, die sie hierher nach Hermannstadt gebracht hat, hat ihnen das Rückflugticket natürlich niemals ausgehändigt, wenn sie nicht überhaupt ausschließlich One-Way-Tickets gekauft hat, was niemand so genau weiß. Die Einschaltung der diplomatischen Vertretungen in Bukarest mag den Ausstieg aus dem Vertrag begünstigt haben, doch finanziell hat Cha nichts davon, sitzt sie doch auf Schulden, allein der Kredit verschlingt 50 Dollar Zinsen pro Monat, und sparen konnte sie von dem Hungerlohn wenig. „That's life!“, sagt sie lächelnd. Es sei nicht leicht gewesen hierher zu kommen, es sei für Philippinen überhaupt nicht leicht, nach Europa zu kommen, und so war dieser Alptraum vielleicht nichts anderes als eine lange und sehr kostspielige Reise. Sie sage sich einfach, dass sie als Touristin nach Hermannstadt gekommen ist, meint Cha ironisch, eine Touristin, die acht Stunden für ihren Aufenthalt arbeiten muss, um genau zu sein.

Das Abenteuer Rumänien ist für die philippinischen Nähererinnen vorerst vorbei, doch die Firma hat Gerüchten zufolge bereits Näherinnen aus Kambodscha oder Vietnam angeworben. Man muss in die Zukunft blicken. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2008)