Neue Regeln sind für die Finanzwirtschaft gefragt, welche die „Gier“ einschränken, Managementfehler sanktionieren, aber folgenschwere Pleiten verhindern.
Gier, heißt es, sei der Auslöser der Finanzkrise gewesen: zügellose Gier der Immobilienfinanzierer, der Investmentbanker und der Investoren, die mehr verdienen wollten als die sehr niedrigen Zinsen auf dem Geldmarkt. Blinde Gier, die jede Regel des vorsichtigen Bankgeschäfts verletzte. Die freie Marktwirtschaft habe versagt. Ihre Unfähigkeit, die größten Probleme der Wirtschaft und Gesellschaft zu meistern, wäre damit bewiesen, und nun muss der Staat, d. h. die einzig dem Gemeinwohl verpflichteten Politiker und Beamten, eingreifen und retten, was noch zu retten ist. Der Liberalismus ist am Ende. Das Faustrecht der gierigen Finanzjongleure und Unternehmer hat uns in den Abgrund gestürzt.
So hört man es allerorts. Die Wirklichkeit ist jedoch anders: Gier – eigentlich das Verfolgen von Eigennutz – ist die Grundlage, der Motor unserer grundsätzlich liberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Was unterscheidet die Gier des Häuslbauers, der sein Haus mit einem günstigen Yen-Kredit finanziert hat, oder die Gier der alten Dame, die ihr niedrig verzinstes Sparbuch mit Wertpapierkäufen aufbessern will, von der Gier des New Yorker Investmentbankers, der – solange er nichts Ungesetzliches tut – mit komplexen Finanzkonstruktionen Immobiliendarlehen an japanische Anleger verkauft?
Eigennutz zu verfolgen, wie etwa die Vorsorge für die Pension, für die Ausbildung der Kinder oder gar für ein besseres Leben, ist die Basis unserer Wirtschaftsordnung und bekanntermaßen zielführender als heuchlerischer Altruismus. Auf diesem eine große Gesellschaftsordnung zu begründen, endet wie die marxistische Utopie in wirtschaftlichem Desaster und Versklavung.
Regulierungsflut hat Zweck nicht erfüllt
Ebenso ungerechtfertigt ist die Behauptung, die Krise sei auf ein Versagen des Marktes zurückzuführen. Das Gegenteil ist der Fall: Kein anderer Wirtschaftszweig ist so strikt reglementiert wie die Finanzwirtschaft. Hunderte Vorschriften bestimmen ihre Handlungen, ein Heer von Aufsehern überwacht sie.Die Rechtfertigung für diesen Eingriff der Politik in die Geschäftstätigkeit von Finanzinstituten liegt in der zentralen Bedeutung dieser Tätigkeiten für die Gesamtwirtschaft und der Gefährdung des ganzen Systems im Fall der Pleite einer Bank.
Die Regulierungsflut hat allerdings ihren Zweck nicht erfüllt: Schwere Managementfehler und die Gefährdung des weltweiten Finanzsystems konnten ebenso wenig verhindert werden wie das gefahrlose Ausscheiden einzelner, schlecht geführter Finanzinstitutionen. Es existieren wohl zu viele und ganz sicher die falschen Gesetze und Regelungen – sie alle haben die Finanzkrise nicht verhindert, vielleicht sogar verursacht. Ebenso auf das Konto des Staates und nicht auf die des Marktes geht die sich im Nachhinein als desaströs herausstellende Niedrigzinspolitik der Zentralbanken. Wenn es aufgrund von falsch positionierten Verkehrsschildern zu einer Massenkarambolage kommt, ist nicht der Individualverkehr dafür zur Verantwortung zu ziehen, sondern die Polizei, die die Schilder falsch aufgestellt hat.
Es sind daher neue Regeln für die Finanzwirtschaft gefragt, welche die „Gier“ einschränken, Managementfehler sanktionieren, aber folgenschwere Pleiten verhindern. Regeln können jedoch nicht per se den Erfolg von Finanzunternehmen herbeiführen, so wie Verkehrsregeln allein nicht ans Ziel bringen. Unternehmerisches Können ist auch hier gefragt.
Und noch etwas kann durch staatliche Gesetze und Vorschriften ebenfalls nicht ersetzt werden, speziell in Unternehmen, die wie kaum andere vom Vertrauen leben: Prinzipien, Geschäftsethik, Moral oder kurz gesagt – Anstand. Die Rede ist vom Kernbereich der Geschäftstätigkeit: Fairness und Transparenz bei der Konditionengestaltung, sowohl im Umgang mit Kunden als auch im Personalmanagement zählen ebenso dazu wie Zuverlässigkeit, Aufrichtigkeit, Fleiß, Genauigkeit.
Diese unmodernen, einfach scheinenden Werte haben wie auch andere der westlich-christlichen Tradition an Bedeutung verloren. Sie wurden durch Ersatzreligionen, wie selbstgerechte sozialistische Moralansprüche und durch den egozentrischen Hedonismus ersetzt. Sie sind jedoch ganz allgemein (im Gegensatz zu dem, was dem Kapitalismus von den Linken unterstellt wird) für alle Akteure einer freien Marktwirtschaft von Bedeutung, aber essenziell für den langfristigen Geschäftserfolg von Finanzinstituten.
Der erfolgreiche Unternehmer Herbert Turnauer etwa hielt sich in seinem langen unternehmerischen Wirken u.a. strikt an die Regel, dass Personen, die eine Partnerschaft mit ihm eingegangen sind, jedenfalls dadurch wirtschaftlich gewinnen sollten.
„Fade“ Bankiers werden überleben
Auf der anderen Seite gab es skrupellose Glücksritter im Veranlagungsgeschäft, die ihren gutgläubigen Kunden für maßlose Provisionen Seifenblasen verkauften. Diese existierten früher zuhauf und wurden nicht selten von den Medien hoch gelobt und als „Manager des Jahres“ bezeichnet. Aber sie sind gerade in Krisen zu Fall gekommen und von der Bildfläche verschwunden.
Die wesentlich „faderen“, konservativen und vor allem vom grundsätzlichen Anstand gegenüber Kunden und Mitarbeitern geprägten Bankiers haben überlebt und werden trotz Finanzskandal auch weiterhin das Vertrauen ihrer Geschäftspartner nicht enttäuschen. Ihnen gehört die Zukunft.
Christoph Kraus ist bereits seit 1971 im Bankgeschäft in New York, Paris und Wien tätig. Seit 1999 ist er Vorstandsvorsitzender der Kathrein & Co. Privatgeschäftsbank AG.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.12.2008)