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Akademietheater: Die Welt als wilde Vorstellung

(c) AP (Stephan Trierenberg)

Sophie Rois und Martin Wuttke toben in René Polleschs „Fantasma“.

Nach einer Stunde in der aberwitzigen Geisterbahn von „Fantasma“ drohte am Freitag bei der Uraufführung im Wiener Akademietheater der Elan zu versiegen. Zuvor hatten sechs Schauspieler unter der Regie von René Pollesch in dessen Textkaskaden nach dem Sinn des Spiels gesucht. Dann waren sie ermattet in der Endlosschleife der immer gleichen Sätze gehangen. In dem raffinierten Bühnenbild von Bert Neumann drehten Gummi-Ungeheuer in roten Wägelchen wortlos ihre Runden, auf der Vorderbühne am Kassenschalter unter der riesigen Leuchtschrift „Thriller“ und in dem skurrilen, per Videokamera auf einer Leinwand sichtbaren Set dahinter. Das Ende schien nah, das Scheitern.

Die großartige Sophie Rois klagte bereits wiederholt beleidigt: „Kein Mensch kann hier die Dubarry spielen!“. Martin Wuttke fragte sich: „Woher komme ich? Wohin werde ich gebracht?“ Kein Mensch bei seinen Sinnen hätte nunmehr etwas auf das Gelingen des Abends gegeben, an diesem Totpunkt, den Wägelchen auf der Berg- und Talbahn kurz vor dem höchsten Punkt und dem folgenden Absturz zu erreichen drohen.

 

Das Stück? Gerettet!

Da aber setzte bei Pollesch und seinen Ausnahmeschauspielern eine furiose finale Fahrt ein. Sachiko Hara wand sich auf der Hinterbühne auf einem Tisch, assistiert von Daniel Jesch, vor ihr suggerierte eine Leinwand, dass sie sich im wilden Auf und Ab einer (kapitalistischen!) Hochschaubahn befand, entweder als japanische Touristin oder als vietnamesische Schwarzmarkthändlerin. Den Unterschied machte nur das Accessoire aus – eine Vuitton-Tasche oder eine Stange Zigaretten. Die Rollen in dieser Welt werden durch die Waren bestimmt.

Das Stück? Gerettet! Alle Fragen blieben offen. Und Fans des Pollesch-Kollektivs durften nach 80 Minuten im rasenden Schlussapplaus erleichtert herbeiklatschen, dass diesem anarchischen Denker erneut ein hermetisches Kabinettstückerl gelungen ist.

Worum geht es in „Fantasma“, dessen Bilderfolien aus Edgar-Wallace-Krimis, Rückblenden zu Ernst Lubitschs „Madame Dubarry“ von 1919, einem Filmset, nächtlichen Großstadtszenen und eben einer altmodisch glitzernden Wurstelpraterwelt bestehen, dessen Text sich auf das „Kommunistische Postskriptum“ von Boris Groys, auf „Kindheit und Geschichte“ von Giorgio Agamben oder auf René Pollesch an sich bezieht? Wer kann das verstehen? Der Autor? Nein. Sein Publikum? Nein. Die große Einsagerin? Ja.

Oberflächlich betrachtet werden an diesem Abend immer wieder die gleichen Fragen gestellt: Warum wurde in der Sowjetunion und in China das kommunistische Projekt aufgegeben? Warum hören Menschen damit auf, sich zu lieben? Wann ist ein Stück zu Ende? Wozu wird die ganze Scheiße hier subventioniert? Pollesch verwebt diese seltsamen Stoffe zu einem Handlungsmuster, in dem sich immer wieder deformierte Metaebenen des Verstehens auftun.

 

Die Kulisse: Alles nur Plastik!

Symbol dafür ist die Souffleuse, die auf der Vorderbühne phasenweise die Hauptrolle übernimmt, den anderen ihre Existenz geradezu aufzwingt. Erst durch sie erhält zum Beispiel Stefan Wielands Rolle als Sidekick ihren Charakter. Auch Rois, Hermann Scheidleder und Wuttke kokettieren mit diesem Riss zwischen Text und Spiel. Gelegentlich reißen sie die Kulisse auf: alles nur Plastik! Selbst Pollesch bringt sich auf solcher Ebene ein, wenn in „Fantasma“ sein vor zwei Jahren in Wien uraufgeführtes Stück „Das purpurne Muttermal“ der Krimi-Autorin Agamben Christie (sic!) zugeschrieben wird. Alles nur Kopie! – In diesen Momenten ist das Fantasma authentisch, die Farce wird zur großen Geschichte. Wie gesagt, kein Mensch, nicht einmal Sophie Rois in edlem Kleid mit skurriler Spitze (Kostüme: Nina von Mechow), kann in diesem Set die Dubarry spielen, in dem die flotte Signation zu alten Krimis erklingt und ein Kameramann mit aufgesetztem Blaulicht (wie in der Persiflage „Die nackte Kanone“) über die Hinterbühne fährt, um vor Entsetzen starre Schauspieler zu filmen, die theatralisch tot umfallen.

Wuttke aber imitiert das lebensmatte Klischee eines Kommissars – ein deutscher Schauspieler in der Rolle eines englischen Inspektors, das kennen wir doch längst, das kann man doch nicht mehr anschauen! Und wie zur Bestätigung, dass man hier die Dubarry nicht spielen kann und nicht den Kommissar im „Hexer“, zeigt man auf der Hinterbühne Szenen aus dem Lubitsch-Film. Die Pollesch-Schauspieler werden in einer Collage fürs Kino auf der Vorderbühne draufkopiert.

Es geht aber mit noch mehr Trash: Das Ensemble neigt schließlich sogar zur Romantik. Rois beginnt fantastisch zu singen: „Night and Day“. Alle stimmen mit ein. „Verlass mich nicht! Ich bin ein leeres Haus ohne dich.“ Es ist dann doch ein tolldreister Abend zum Liebhaben geworden. Pollesch passt zu Wien, weil er den Schauspielerkult pflegt. Er ist der Schopenhauer unter den Edgar-Wallace-Imitatoren, die sich die Welt als das Wilde vorstellen.

Nächste Aufführungen: 13.12. und 15.12.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.12.2008)