Alle guten Wünsche für das I.S.T. Austria in Maria Gugging! Aber bitte keine Vorschusslorbeeren mehr.
Einmal ehrlich: Wer wäre nicht gern Teil einer Elite? Distinguiert, abgehoben, etwas Besonderes, besser als die anderen. Wäre es nicht eine gute Idee, einfach einen Verein zu gründen, dessen erste Satzung der Satz „Wir sind elitär“ ist?
Leider geht es nicht so leicht. Auch nicht bei Bildungs- und Forschungsinstituten. Auch dort wirkt es seltsam anmaßend. Weder Oxford noch Cambridge, weder Princeton noch Yale wurden dezidiert als „Elite-Unis“ gegründet.
Es ist das Geburtstrauma des I.S.T. Austria („Institute of Science and Technology“), wie es heute angenehm unprätentiös heißt, dass es genau mit diesem Anspruch konzipiert und der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Noch dazu unter falscher Flagge: Es wurde als „Uni“ gehandelt, obwohl nie daran gedacht war, dort reguläre Studiengänge anzubieten.
Lange bevor ernsthaft diskutiert wurde, was man denn in einem solchen Institut forschen solle, verkündete Bildungsministerin Elisabeth Gehrer wieder und wieder, dass es eine „Elite-Uni“ werden solle, ein „Exzellenzinstitut“ gar. Was etliche Magnifizenzen und Spektabilitäten der bestehenden Universitäten folgerichtig dahingehend interpretierten, dass sie selbst von der Politik nicht unbedingt als Exzellenzen gesehen werden...
Dabei war die Kritik an Österreichs Universitäten am Anfang der Nullerjahre nicht nur zeitgeistig, sondern auch berechtigt. An etlichen Instituten drohte die Forschung an der Lehre zu ersticken, allzu viele Professoren gaben sich damit zufrieden, dass ihre Schrebergärten kontinuierlich gegossen wurden; erst allmählich setzte sich die Einsicht durch, dass in einem kleinen Land nicht alle Bereiche der Wissenschaften vertreten sein können und sollen, dass eine vernünftige Forschungspolitik eindringlich zur Bildung von Schwerpunkten zu animieren hat.
Das Projekt „Elite-Uni“ wurde allerdings schnell zur tragikomischen Politnummer. Spätestens als Anton Zeilinger – dem man zumindest nicht vorwerfen konnte, dass er selbst nicht wisse, was exzellente Forschung ist – im Februar 2006 entnervt das Projekt verließ, war klar: Hier läuft etwas schief. Sichtbarstes Indiz war die Festlegung auf den Standort Maria Gugging: Diese schöne, teure Wienerwald-Gegend eignet sich gewiss gut für eine Klause, einen Elfenbeinturm oder ein Sanatorium, aber nicht für ein Institut, in dessen Umgebung sich tunlichst Industriebetriebe – als „Spin-offs“ der Forschung – ansiedeln sollen. Aber hier musste sich offensichtlich das schwarze Niederösterreich gegen das rote Wien durchsetzen. (Ein Gedankenexperiment: Wie würde dieser Streit wohl in der heutigen Großen Koalition ausgehen? Mit einem Institut, durch das die Landesgrenze verläuft?)
Dass das Projekt „Elite-Uni“ dann doch nicht als zweite Donau-Uni versandete, ist einer Initiative von Wissenschaftsinteressierten, vor allem aus der Industriellenvereinigung, zu danken, die den rettenden Schritt tat: Der wissenschaftliche Beirat wurde mit namhaften Forschern besetzt, die Themensuche gestartet. Man fand drei Bereiche, von denen zwei gut gewählt sind: 1)Die Kombination aus Neurobiologie und Computerforschung mag nach Science-Fiction klingen, ist aber spannend; dass als Präsident jetzt der Informatiker Thomas Henzinger bestellt wurde, passt gut. 2)Die mathematische Biologie ist ein Hoffnungsgebiet, in dem mit Martin Nowak auch ein höchst erfolgreicher „Auslandsösterreicher“ tätig ist: Ihn könnte man vielleicht heim nach Klosterneuburg locken.
Das dritte Gebiet, die Materialwissenschaft, ist erstens ein wenig vage umschrieben, zweitens sind auf diesem riesigen Terrain viele Forschungsgruppen auf vielen Instituten – oft erfolgreich – tätig: Es würde sie sinnlos vor den Kopf stoßen, wenn man einen weiteren Standort konstruiert.
Eines muss jedenfalls klar sein: Die Forschung am I.S.T. Austria darf nicht privilegiert gefördert werden. Die Förderungskriterien müssen genauso streng sein wie für alle Institute, nach internationalen Gepflogenheiten, mit unabhängigen ausländischen Gutachtern. Zum Glück haben wir mit dem Forschungsförderungsfonds ein bewährtes Gremium dafür. Keine politische Exzellenz in Land oder Bund sollte die Möglichkeit haben, gütig ihre Schatulle für jene Forscher zu öffnen, die für exzellent zu halten sie geruht.
So – und nur so – besteht eine reale Chance darauf, dass in zehn, 15 Jahren in Oxford die Dekane murmeln: Eigentlich exzellent, was da geforscht wird im Herzen von Lower Austria! Und dass dann der Rektor antwortet: Tja, Freunde und Nachbarn, in Maria Gugging müsste man sein!
Bis dahin: bitte keine Vorschusslorbeeren mehr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.12.2008)